Die Geschichte von Württemberg von 1930 - 1945

Profiteure der wirtschaftlichen Not sind die braunen Massen des Ex-Gefreiten Adolf Hitler. Auch im Südwesten ziehen dunkle Wolken herauf, wie die steigenden Wahlergebnisse der Reichstagswahlen zeigen ..

Reichstagswahlen

  1928

  1930

  1932/1

1932/2

  1933

Gesamtes Reich

2,63%

18,33%

37,36%

33,09%

43,91%

Württemberg

1,84%

 9,38%

30,53%

26,46%

41,99%

Ob Hitler wegen der zuerst sehr schwachen Wahlergebnisse den deutschen Südwesten nicht mochte ist unklar, jedenfalls besuchte er in seiner Regierungszeit Stuttgart nur ein einziges Mal. Und dabei wurde ihm, eine legendäre Episode, bei seiner Rundfunkansprache auch noch das Sendekabel durchschnitten.

"Sieg der nationalen Regierung" lautet die Schlagzeile einen Tag nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933 in der Süddeutschen Zeitung in Stuttgart. Mit verbündeten Parteien zusammen besaßen die Nazis die Mehrheit im Reichstag. 

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) im Jahr 1933 blieben die Ländergrenzen zunächst unverändert. Das Land Baden, das Land Württemberg und die Hohenzollerischen Lande (der Regierungsbezirk Sigmaringen) bestanden weiter, allerdings mit viel weniger Selbständigkeit dem Reich gegenüber.

Die NSDAP schuf zwei Gaue: den Gau Baden und den Gau Württemberg-Hohenzollern. Dies war im Grunde genommen schon ein kleiner Schritt zur Vereinheitlichung des deutschen Südwestens. Die Gauleiter Wagner in Baden und Murr in Württemberg waren zugleich Reichsstatthalter, also Bevollmächtigte der Reichsregierung, sie konnten den Landesregierungen Weisungen erteilen:

Der Reichstatthalter und Gauleiter in Württemberg-Hohenzollern, Wilhelm Murr, legt die klassische Karriere des NS-Funktionärs hin: Teilnahme am ersten Weltkrieg, danach früher Parteieintritt (1922). Bald wird Murr Propagandaleiter und Ortsgruppenleiter in Esslingen. Am 15. März 1933 württembergischer Staatspräsident und im Mai 1933 Reichsstatthalter. Ab Januar 1942 SS-Obergruppenführer.
Nach der Flucht im April 1945 aus Stuttgart begeht Murr am 14. Mai in Vorarlberg Selbstmord.

Der Reichsstatthalter in Baden und Chef der Zivilverwaltung im Elsass war Robert Wagner. Der sogenannte Führer vom Oberrhein nimmt persönlich am Hitlerputsch 1923 in München teil. Er wird schon 1925 zum Gauleiter Badens ernannt und am 5. Mai 1933 Reichsstatthalter. Zeichnet sich durch besonderen Eifer im Vollzug von Führerbefehlen und Ausmerzen von "Volksfeinden" aus.  1946 wird Wagner von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt und am 14. August gehängt.

Den meisten Menschen ging es nach 1933 wirtschaftlich besser als in den vier Jahren davor. Viele bekamen wieder Arbeit, und ihre Arbeitsplätze schienen sicher zu sein. 

Einer zahlenmäßig kleinen Gruppe ging es jedoch immer schlechter: den jüdischen Mitbürgern (1933 waren es 30.941). 1933 wurden die Juden als "Volksschädlinge" bekämpft, 1935 unter minderes Recht gestellt und nicht mehr als deutsche Staatsbürger anerkannt.

Alle jüdischen Einwohner wurden in einer Turnhalle zusammengetrieben und mussten dann zu der abgebrannten Synagoge marschieren. Die Frau des Rabbiners berichtet aus der Erinnerung: "Als wir uns der Synagoge näherten, sahen wir eine Unmenge SA-Leute. Eine Todesahnung ging durch den Zug. Man sah die SA Zündschnüre hin- und hertragen, hörte das Wort Dynamit, ob in Phantasie oder Wirklichkeit, weiß ich nicht. ... Mir war es klar, dass man uns in die Synagoge führen und dann alles mit allem in die Luft sprengen wird. Unmittelbar vor der Synagoge hieß man uns stillstehen, und in dem Augenblick erfolgte eine kolossale Detonation. Die nach dem Garten gerichtete Wand unserer lieben, alten Synagoge stürzte ein, einen Teil der Vorderfront mitreißend und das Innere der Synagoge vollkommen zerstörend. Wir alle zitterten wie Espenlaub. Die Kinder waren kaum zu beruhigen." 
Der Rabbiner starb Ende 1938 im KZ Dachau, seine Frau konnte 1939 mit sieben unmündigen Kindern noch nach Israel auswandern. Die Juden, die nicht auswanderten, wurden 1940 von der SS abtransportiert und in Konzentrationslagern ermordet.  
(Eckhardt Friedrich und Dagmar Schmieder-Friedrich, Die Gailinger Juden, Arbeitskreis für Regionalgeschichte e.V., Konstanz 1981, S. 103f.) 

In mehreren Schüben verschwanden 1935-1940 die Juden aus Deutschland, zunächst als "Auswanderer" nach Frankreich, USA und nach Israel. Von 1941 an begannen die Machthaber, die Juden in den Vernichtungslagern im Osten zu ermorden.

Der Aufschwung der Wirtschaft war zugleich Vorbereitung für den Krieg. Für alle sichtbar entstanden viele neue Kasernen und etwa 40 Militärflugplätze. Am Rhein entlang wurde 1938/39 der Westwall gebaut (630 km von Aachen bis zur Schweizer Grenze). Ohne den deutschen Südwesten wäre es Hitler schwer gefallen, seine Eroberungspläne in die Tat umzusetzen. Autoindustrie, Maschinenbau und andere wichtige Industriebereiche spielten eine entscheidende Rolle in den Plänen des Führers. 

Zwischen 1933 und 1939 nahm die Zahl der Beschäftigten in der südwestdeutschen Industrie schon vor Kriegsausbruch durch die Planungen der Kriegwirtschaft drastisch zu (auch die Einwohnerzahl insgesamt stieg an). 

Als am 1. September der Krieg ausbricht ist, anders als 1914, von Begeisterung und Euphorie nichts zu spüren. Lebensmittelkarten werden schon kurz vor (!) Kriegsausbruch eingeführt. Im November auch Kleiderkarten. Am 8. November verübt der schwäbische Schreiner Johann Georg Elser ein Bombenattentat auf Hitler. 

Am Oberrhein schien mit der Angliederung des Elsass 1940 ein alter Wunsch in Erfüllung zu gehen. Der Gau Baden hieß jetzt Gau Baden-Elsass

In den ersten Kriegsjahren bleibt der deutsche Südwesten noch relativ verschont.

Brutal und schonungslos ist das Wüten in den Jahren 1944 und 1945. Pforzheim und Heilbronn werden fast vollständig zerstört. Stuttgart, Mannheim, Friedrichshafen, ja sogar kleine Ortschaften auf dem Land werden schwer getroffen. In Stuttgart arbeitet der Luftschutz vorbildlich, so kommen im Winter 1943/44 und im September 1944, trotz schwerer Luftangriffe "nur" knapp 5.000 Menschen ums Leben. Viele durch Luftminen mit Zeitzünder, die erst lange nach den Angriffen, während der Aufräumungs- und Rettungsarbeiten, explodieren. Insgesamt wird Stuttgart 53 mal Ziel alliierter Luftangriffe, dabei werden auf die gesamte Stadtfläche hochgerechnet in der Stadt beinahe 60% der Häuser ganz oder teilweise zerstört. 

Von 1944 an war die Niederlage abzusehen. Im November drangen amerikanische Truppen plötzlich bis Straßburg vor und standen auf dem linken Rheinufer. Erst Ende März und Anfang April 1945 überschritten amerikanische und französische Truppen den Rhein in Nordbaden. Zu schweren Kämpfen mit Zerstörungen kam es vor allem zwischen Heilbronn und Crailsheim und bei Freudenstadt. 

Bis 30. April waren ganz Baden, Württemberg und Hohenzollern besetzt, am 8. Mai erfolgt die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht durch Großadmiral Dönitz.