| |
Die Geschichte von Württemberg von 1800 -
1930
1806 wird Friedrich von Napoleons
Gnaden 1. König von Württemberg. Friedrich war von 1797-1803 als
Friedrich II. Herzog von Wirtemberg. In den Koalitionskriegen
kämpfte er zunächst gegen Frankreich und verlor einen Großteil des
Herzogtums. 1803 trat er auf die Seite Napoleons über. Unter der
Protektion Napoleons erreicht er eine enorme Vergrößerung des
Territoriums Wirtembergs und die Erhebung zum Königreich, das er Württemberg
nannte.
Ab 1810 wird das Landes zum Königreich Württemberg.
Alt-Württemberg umfaßte 1789 nur etwa 1/4 des Gebietes des späteren
Württemberg. Die Vergrößerung erfolgte in 4 Phasen:
Im Reichsdeputationshauptschluß (1803) wurden die Klöster
säkularisiert und die Besitztümer der Klöster Wirtemberg zugeschlagen.
Dadurch kamen z.B. Ellwangen und Weingarten mit ihren großen Besitzungen
zu Wirtemberg. Außerdem kamen die bisherigen Freien Reichsstädte mit
ihren z.T. großen Landgebieten, an Wirtemberg.
Welche Auswirkungen die Säkulariesierung auf
eine Freie Reichsstadt hatte, zeigt das Beispiel meiner Heimatstadt
Schwäbisch Gmünd:
Auch die alte, von den Staufern im 12.
Jahrhundert gegründete Stadt Schwäbisch Gmünd,blieb von dem Umbruch
nicht verschont. Mediatisierung und Säkularisation griffen tief in das
Leben der Stadt ein. Beide Maßnahmen sollten - nach längerer
Vorbereitung - im Februar und April 1803 genehmigt und bestätigt und
dann durchgeführt werden.
Dem Herzog von Württemberg waren neben
Gmünd die Reichsstädte Aalen, Esslingen, Giengen, Hall, Heilbronn,
Reutlingen, Rottweil und Weil der Stadt zugedacht. Der neue Herr wollte
aber nicht so lange auf seine Beute warten. Schon am 6. September 1802
erschien ein württembergischer Beamter und kündigte die vorläufige
militärische Besetzung an. Es wäre nicht nötig gewesen, am 9.
September eine Truppe von 260 Mann zu schicken. Widerstand gab es nicht.
Die Stadtsoldaten wurden einfach entlassen.
Die eigentliche Besitzergreifung fand am 27.
November statt. "Wir, Friderich der Zweite, von Gottes Gnaden Herzog
von Württemberg und Teck..., entbieten den Bürgermeistern und
Magistrat, den geistlichen und weltlichen Beamten und Dienern sowie den
sämtlichen Bürgern, Einwohnern und Untertanen der Reichsstadt Gmünd
und des dazu gehörigen Gebiets Unsere herzogliche Gnade und alles Gute
...", so beginnt das "Besitzergreifungspatent". Herzog
Friedrich fordert Gehorsam und verspricht, "das Wohl und die
Glückseligkeit UNSERER neuen Untertanen nach allem Vermögen
landesväterlich zu befördern und zu vermehren".
Nach kurzem Zögern leisten die Mitglieder des Rats und
die städtischen Beamten Gehorsam. An Gehorsam hatte es schon vorher
nicht gefehlt. Am 6. November "wurde hier das hohe Geburtsfest
Seiner Herzoglichen Durchlaucht auf eine feierliche Art begangen".
(Geschichte der Stadt Schwäbisch
Gmünd, herausgegeben Stadtarchiv Schwäbisch Gmünd, S. 297 und 308)
Als äußeres Zeichen der Besitznahme wurden
an den öffentlichen Gebäuden die Hoheitszeichen der Reichsstadt Gmünd
- Reichsadler und Einhorn - weggerissen und durch das württembergische
Wappen ersetzt. "Nicht einmal in den Kirchen duldete man das alte
Wappen".
Die Stadt durfte sich statt Schwäbisch
Gmünd nur noch Gmünd nennen, denn sie war nicht mehr gleichberechtigtes
Glied des schwäbischen Kreises, sondern eine württembergische Landstadt
unter vielen anderen. Immerhin wurde Gmünd bald Sitz eines der 64
Oberämter.
Schwäbisch Gmünd war eine angesehene
Handels- und Handwerkerstadt gewesen. Kurfürst Friedrich konnte
"reiche Beute" erwarten. Bald stellte es sich jedoch heraus,
dass die bisherigen Stadtherren ihre Pflichten nicht mehr sehr ernst
genommen hatten. Die Überprüfung der Finanzen ergab, dass die Stadt mit
über einer Million Gulden verschuldet war und dass die Kassen seit
Jahren nicht mehr geprüft worden waren.
Die sechs Klöster in Gmünd waren nicht zu
vergleichen mit den großen Abteien in Oberschwaben und im Schwarzwald.
Sie verfügten nicht über nennenswerte eigene Herrschaftsgebiete. Sie
waren auch nicht so selbständig, sondern standen unter dem Schutz der
Reichsstadt. Sie waren eng mit dem Leben der Stadt verbunden.
Innerhalb der Stadtmauern lebten die Augustiner-Eremiten, die
Dominikaner, die Franziskaner, die Kapuziner und die Franziskanerinnen.
Vor der Stadt lag das Dominikanerinnenkloster Gotteszell. Gleich bei der
Besitzergreifung der Stadt wurde die Schließung und Enteignung der
Klöster angekündigt.
Was bedeutete die Säkularisation im
einzelnen?
Vier Klöster mussten bis spätestens Februar
1803 geräumt werden. Überall hörte das klösterliche Leben in der
bisherigen Form auf. Nur die Franziskaner und Kapuziner durften
wenigstens in ihren Häusern bleiben. Alle Nonnen und Mönche erhielten
bescheidene Pensionen. Wenn sie nicht weiter als Priester oder Lehrer und
Lehrerinnen tätig sein oder in einer Gemeinschaft leben wollten, konnten
sie sich auch persönlich säkularisieren lassen, fortan also als
gewöhnliche Bürger leben.
Am meisten hatten es die neuen Machthaber auf
Wertgegenstände abgesehen. Bücher und alte Handschriften kamen in die
herzogliche Bibliothek nach Stuttgart. Kirchengeräte aus Edelmetall
waren abzuliefern, wurden nach Ludwigsburg gebracht und dort
eingeschmolzen. Die Empörung über diese Barbarei wirkte lange
nach.
Auch die Gebäude wurden einer "zweckmäßigen" Verwendung
zugeführt. Im Franziskanerkloster war bis 1965 eine Schule
untergebracht, das Dominikanerkloster wurde zur Kaserne und im
Dominikanerinnenkloster Gotteszell ist seit 1808 ein Landesgefängnis
untergebracht.
Württembergische Beamte und Soldaten waren
die ersten Protestanten in der vorher rein katholischen Stadt. Für den
Gottesdienst stellte man ihnen die Kirche des Augustinerklosters zur
Verfügung. Im Jahr 1900 zählte man schon 5.889 Evangelische neben
12.712 Katholiken. Die neue Herrschaft wollte keineswegs den katholischen
Glauben bekämpfen.
In den Koalitionskriegen steht
Württemberg 1805 auf Seiten Napoleons und erhält die Reichsrittergüter
und die Deutschordensgebiete.
Mit der Erhebung zum Königreich 1806 werden
die Gebiete Vorderösterreichs und die bisher selbständigen
Fürstentümer Württemberg zugeschlagen, z. B. Hohenlohe, Fürstenberg,
Waldburg. Als letztes erfolgen 1810 (durch einen Staatsvertrag zwischen
Württemberg und Bayern) Grenzausgleiche mit Bayern (wobei z.B.
Crailsheim, Ulm, Tettnang, Wangen zu Württemberg kommen). Dadurch
entstehen die bis 1945 gültigen Grenzen Württembergs. Aus
vielen Hunderten von Territorien wird ein Flächenstaat mittlerer
Größe.
Im Russlandfeldzugs Napoleons (1812-1813)
nehmen 15.800 Mann aus Württemberg teil, von denen nur 300 (!)
zurückkehren. 1813, nach der Völkerschlacht von Leipzig, tritt
Württemberg im Vertag von Fulda den Aliierten bei.
König Friedrich von Württemberg regierte in absolutistischer Manier.
Die neuen Gebiete ("Neu-Württemberg") wurden z.T. brutal in
Württemberg eingegliedert. Die alte Verfassung, das "Alte
Recht" (für das u.a. Uhland leidenschaftlich kämpfte) wurde außer
Kraft gesetzt. Eine neue Verfassung wurde erst vom Nachfolger, König
Wilhelm I., im Jahr 1819 verabschiedet. Er lässt ein neues
Staatswappen mit der Devise "Furchtlos und treu" und den
Farben Schwarz-Rot anfertigen.
König Wilhelm I. von Württemberg (reg. 1816-1864), der zweite König
Württembergs, regiert fast 50 Jahre. In seiner Zeit wird eine konstitutionelle
Verfassung verabschiedet (1819); auf dem Rotenberg die
Grabkapelle für Wilhelms 1. Frau Katharina gebaut (ab 1819); Schloss
Rosenstein und Wilhelma mit Englischem Garten errichtet (ab 1825).
Großes Engagement zeigt Wilhelm I. zur wirtschaftlichen
Entwicklung seines armen Landes. Er stiftet das Landwirtschaftliche
Hauptfest in Cannstatt und die Landwirtschaftliche Hochschule in
Hohenheim (1818); unter ihm hat die Industrie- und Wirtschaftsförderung
begonnen (Beitritt zum Deutschen Zollverein 1833, Bau der
Staatseisenbahnen ab 1843, Gründung der Zentralstelle für Gewerbe und
Handel 1848).
König Karl von Württemberg, (reg.
Nachfolger als Ministerpräsident wurde
Hermann Mittnacht. 1870 im Deutsch- Französischen Krieg wechselte unter
König Karl und Minister Mittnacht Württemberg vollends zu Preußen und
den anderen deutschen Staaten über.
Mit der Reichsgründung 1871 wurde das Königreich Württemberg ein Bundesstaat
des Deutschen Reiches.
Im 1. Weltkriegs von 1914 - 1918
erleiden die Württemberger innerhalb des deutschen Heeres die relativ
höchsten Verluste: etwa 85000 Kriegstote und 200000 Verwundete.
1918 wird auch in Stuttgart die Republik
ausgerufen. König Wilhelm II. wird am 9.November 1918 in Stuttgart
zur Abdankung gezwungen. Er hat Stuttgart seitdem nicht mehr betreten und
stirbt 1921 in Bebenhausen bei Tübingen.
Das Ende der Monarchie hatte sich auch in Württemberg in den
Jahren des 1. Weltkrieges schon länger angebahnt: C. Haußmann z.B.
hatte die Republik schon länger gefordert. Mit dem Zusammenbruch an
der Kriegsfront propagieren die Radikalen eine Räterepublik, die
Bürgerlichen und Mehrheitssozialisten einen Volksstaat
Württemberg. Wilhelm Blos, Sozialdemokrat, leitet ab
10.11.1918 die provisorische Regierung Württembergs.
1919 wird eine neue Verfassung für
den Volksstaat Württemberg im Ludwigsburger Schloss verabschiedet. Bei
den ersten Wahlen für den Volksstaat Württemberg werden das
Zentrum, die liberalen Demokraten (DDP), die Deutsch-Nationalen (DNVP)
und die Sozialdemokraten die stärksten Parteien. Von 1919 bis 1933
regieren Koalitionen aus Zentrum und konservativen Parteien.
Die Sozialdemokraten sind seit 1919
meist in der Opposition, obwohl sie zeitweise stärkste Partei sind; nur
ab 1920 beteiligen sie sich für kurze Zeit an der Regierung: Wilhelm
Keil tritt als Minister für Ernährung, Arbeit und Wirtschaft ins
Kabinett ein. Ab 1924 ist Kurt Schumacher Oppositionsführer
der SPD im Landtag Württembergs.
Wichtige Themen dieser Jahre sind Wirtschaftsfragen: der
Wiederaufbau nach dem verlorenen Krieg; die Bewältigung der Folgen des
Versailler Vertrags (die für Württemberg nicht ganz so schlimm wie für
Baden waren); die Inflation 1923.
Kulturpolitisch erfolgt in diesem Jahrzehnt die Trennung von Kirche
und Staat (damit auch Ende der geistlichen Schulaufsicht und eine
selbständige Landeskirchenverfassung) mit dem Kirchengesetz von
1924. Zum Kirchenpräsidenten der evangelischen Kirche wird 1929 Theophil
Wurm gewählt, der 1933 die Amtsbezeichnung Landesbischof
annimmt.
Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 verändert die wirtschaftliche
Situation und die Arbeitssituation auch in Württemberg, allerdings nicht
ganz so katastrophal wie in anderen Ländern: 1932 sind in Württemberg
4,3 % der Erwerbstätigen arbeitslos gemeldet (der Prozentsatz der
Arbeitslosen im Deutschen Reich ist doppelt so groß, er liegt bei 8,6
%).
|
|