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Wer in der
Gegend zwischen Leonberg, Pforzheim und Bretten unterwegs ist, wundert
sich sicherlich über die vielen merkwürdigen Ortsnamen wie Pinache, Serres oder
Perouse.
Erhellendes
und persönliches zu diesem Thema hat mir per Mail Volker Rehmann
zugeschickt:
.. habe diese Woche herausgefunden, dass
meine Vorfahren, die zuletzt in "Dürrn, Kieselbronn, Sengach,
Serres, Pinache und Groß Villar" angesiedelt waren, im Jahr 1699
als Waldenser mit ihrem Pfarrer und Führer "Henri Arnaud"
(1641 - 1721) aus dem Piemont "Ortschaften: Pinasca, Villar Perosa,
Torre Pellice." nach Dürrmenz (bei Maulbronn) geflüchtet
sind.
Zu dieser Zeit war das
Ländle im wahrsten Sinne des Wortes nach der französischen Besatzung
"ausgebrannt" und geplündert, die Bevölkerung war durch die
Pest (1635/36) auf wenige Prozent dezimiert - und das alles nur kurze
Zeit nach dem 30-jährigen Krieg (1618 -1648).
Insgesamt waren im
September 1699 - 3000 Menschen aus den Tälern der "Cottischen
Alpen" über die Schweiz ins Württembergische unterwegs, nachdem
Papst Innozenz III die Waldenser ab 1230 massiv wegen Ketzerei (wie auch
die Katharer und Albigenser im Rahmen der Inquisition) verfolgen ließ.
Die Waldenserbewegung (Bewegung von Wanderpredigern) wurde um 1177 von
dem reichen Lyoner Kaufmann namens "Petrus Waldes"
gegründet.
Das Ziel: Nur in wahrhaftem (rein durch Armut und Verzicht auf weltliche
Dinge) Glauben an Gott "in Armut" dienen. Zu dieser Zeit war
die Katholische Kirche beim einfachen Volk alles andere als respektiert -
"Ein Leben in Saus und Braus - große Reichtümer und Geilheit nach
Macht des Klerus" führten zu deren Miss- und Verachtung.
Vor der Verfolgung
forderte Papst Innozenz der III von den Waldensern und von Franziskus von
Assisi (beschloss ebenfalls ein Leben in Armut um 1207) deren
Demutsbekundung und Unterwerfung. Für die Waldenser war das Predigen
durch Laienprediger gewissermaßen ein Grundrecht. Da die Waldenser auch
die Meinung vertraten, "man muss Gott mehr gehorchen als der
Kirche" und dass es eine "unmittelbare" Beziehung zwischen
Gott und Menschen gibt (ohne die Vermittlerrolle der Geistlichkeit)
wurden die Waldenser 1184 mit einem Kirchenbann belegt und
exkommuniziert.
Ab 1215 war dieser
endgültig - die Waldenser wurden offiziell als Ketzer verfolgt. Massive
Verfolgung ab 1230. Sie lebten daraufhin möglichst unauffällig - einige
zogen aus dem französichen Dauphiné ins italienische Piemont. Dort
lebten sie in ihren entlegenen Tälern sozusagen ca. 2 Jahrhunderte im
Untergrund. Später siedelten wegen der Inquisition auch französiche
Reformierte ins Piemont.
Franziskus von Assisi machte vor Innozenz einen tiefen
"Bückling". Papst Innozenz III bestätigte 1209 die
Ordensregel von Franziskus - nachdem sich Franziskus gegenüber der
Kirche (Innozenz III) zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet hatte.
1487 befahl Papst Innozenz III den Kreuzzug gegen die Waldenser. Die
Söldner der Inquisitoren durchsuchten auch die kleinsten Winkel des
Landes - niemand war sicher. Allein im Frühjahr 1655 brachte eine
Abteilung Soldaten der Kreuzzügler 8.000 Menschen auf bestialische Weise
um.
In Frankreich wurden die Waldenser "Vaudois" genannt. Die
Waldenser waren sozusagen auch Huggenotten, da sie sich 1532 offiziell
der Reformbewegung anschlossen und zu diesem Zeitpunkt auch die
Waldenserkirche gründeten. 1598 wurde den Reformierten durch das
Toleranzedikt von Nantes (Heinrich IV) Religionsfreiheit zugesichert.
Ludwig XIV - hob dieses allerdings 1685 wieder auf. 1686 erließ der
Herzog von Savoyen auf Betreiben Ludwig XIV ein Edikt, wonach alle
französisch geborenen Waldenser innerhalb von 2 Monaten das Land
verlassen mussten. Die Waldenserbewegung erstreckte sich damals von
Spanien bis ins Baltikum (v.a. Böhmen).
Die Sprache der Waldenser war das "Welsch" - die okzitanische
Sprache, die in Südfrankreich, Teilen Spaniens und im Piement gesprochen
wurde. Welsch war in Würrtemberg noch bis ins 19. Jahrhundert bei den
Waldensern aktive Sprache. Heute gibt es in Italien, Frankreich und
Spanien noch ca. 13 Mio Menschen, die Welsch sprechen. In Deutschland und
in Italien leben heute jeweils ca. 30.000 Waldenser, weitere ca. 15.000
sind noch in Argentinien und Uruguay zu finden.
Kulinarischer Aspekt: Einige Waldenser, die 1699 in Dürrmenz ankamen,
gründeten die Siedlung "Lucerne" bei Wurmberg. Beide Orte
wurden 1808 vereinigt. Zu den Gründern von Lucerne gehörte auch der
Kaufmann Antoine Seignoret, der die Kartoffel in Würrtemberg einführte!
Für diesen
Beitrag, der einen wichtigen Teil der Geschichte unseres Ländles
abdeckt, bedanke ich mich sehr.
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