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schwabissimo - Die schwäbischen Momente im Netz - Schwaben, schwäbischer Dialekt, Humor und Geschichte(n)

 

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Die letzten Schlachten um den Südweststaat

Inzwischen beschäftigte sich nach dem Willen der drei westlichen Besatzungsmächte ein Vorparlament, der Parlamentarische Rat, mit der Ausarbeitung einer Verfassung für den deutschen Staat. Bevor dieser das Verfassungswerk im Mai 1949 vollendete, gelang es Gebhard Müller im Einvernehmen mit Reinhold Maier in letzter Sekunde, zusätzlich zu dem bereits in Art. 29 festgelegten sehr komplizierten Verfahren zur Länderneugliederung eine Sonderregelung für die Neugliederung im deutschen Südwesten als Art. 118 unterzubringen. Darin heißt es: 

Die Neugliederung in dem die Länder Baden, Württemberg- Baden und Württemberg- Hohenzollern umfassenden Gebiete kann abweichend von den Vorschriften des Artikels 29 durch Vereinbarung der beteiligten Länder erfolgen. Kommt eine Vereinbarung nicht zustande, so wird die Neugliederung durch Bundesgesetz geregelt, das eine Volksbefragung vorsehen muss.

Allerdings bedurfte nun noch das Grundgesetz der Zustimmung der Alliierten und diese enthielt Vorbehalte. Erst im April 1950 gaben sie eine Erklärung ab, dass der Artikel 118 nun geltendes Recht sei. Damit war der Weg für die Neuregelung der südwestdeutschen Ländergrenzen frei.

Am 22. Oktober 1949 einigten sich die CDU-Vorstände der südwest- deutschen Länder in der Abstimmungsfrage. Die Bevölkerung sollte über die Alternativfrage abstimmen: Vereinigung der bestehenden drei Länder oder Wiederherstellung der alten Länder. Das Ergebnis sollte durch getrennte Auszählung in den alten Ländern ermittelt werden. 

Dieser Lösung widersetzte sich die Regierung Württemberg-Badens. Sie bestand auf einer Auszählung in den vier Bezirken Nord- und Südbaden sowie Nord- und Südwürttemberg mit Hohenzollern.

Bei einem Treffen der drei Regierungschefs am 15. April 1950 in Freudenstadt machte Gebhard Müller den überraschenden Vorschlag, das Volk doch zunächst einmal nur in einer Informationsabstimmung zum Südweststaat zu befragen. 

Das südwestdeutsche Stimmvolk hat am 24. September 2 Wünsche frei:

  • Ich wünsche die Vereinigung der drei Länder, Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern zum Südweststaat

  • oder 

  • Ich wünsche die Wiederherstellung des alten Landes Baden und des alten Landes Württemberg einschließlich Hohenzollern. 

Die Volksbefragung am 24. September 1950 war für die Anhänger des Südweststaates eine Enttäuschung
Zwar ergab sich in den württembergischen Abstimmungsgebieten eine überwältigende Mehrheit für den Südweststaat, in den beiden badischen Bezirken zusammen aber ein Mehr von 16.614 Stimmen (1,14 Prozent) für die Wiederherstellung der alten Länder. 

Der Kampf vor und nach der Volksbefragung wird mit harten Bandagen geführt, ab und zu blitzt aber auch Humor durch:

Nach dem Sieg der altbadischen Fahnen im Volksentscheid über den Südweststaat wird ein Gesetz zur Befreiung Altbadens von der schwäbischen Gewaltherrschaft vorbereitet werden, vermuten die in Heidelberg erscheinenden 'Deutschen Kommentare' in einer fiktiven Leserzuschrift. 
Das Gesetz solle unmittelbar nach der Wiederherstellung Altbadens in Kraft gesetzt werden. Zur Durchführung werde ein Erhebungsfragebogen mit 133 Fragen bereits jetzt ausgearbeitet. Bisher seien folgende Fragen vorgesehen. 
Frage 3: Haben Sie eine schwäbische Großmutter? 
Frage 21: a) Besitzen Sie Schillers Werke? b) Wenn ja, haben Sie darin gelesen? 
Frage 76: Sind Sie nach dem 8. Mai 1945 ins Ausland gereist? a) Nach Württemberg? b) Nach sonstigen außerbadischen Ländern? 
Frage 83: Sind Sie nach dem 8. Mai 1945 auf der schwäbischen Eisenbahn gefahren? 
Frage 133: Haben Sie nach dem 8. Mai 1945 vom schwäbischen Gruß Gebrauch gemacht? 

Zu Beunruhigungen sieht das Blatt indes noch keinen Anlass, zumal erwogen werden solle, die nur leicht Belasteten, insbesondere solche, die nur gelegentlich den schwäbischen Gruß (Götz von Berlichingen) entboten haben, in die Gruppe der 'Mitlecker' einzustufen. 

Wohlebs südwürttembergischer Staatspräsidenten-Antipode Gebhard Müller, Wanderredner für die Vereinigung von Württemberg und Baden, nennt es Wohlebsche Taktik, den Badenern die Württemberger zu verekeln. Dadurch würden auch die Württemberger von einer Vereinigung abgeschreckt. Bei dieser Taktik brauche nichts bewiesen zu werden. Je ärger man es treibe, desto stärker sei der Erfolg. 

Im Zuge der Abstimmungspropaganda in Feindesland überschritt Staatspräsident Müller den südbadischen Dreisamfluß. 'Jetzt wird eine andere Sprache zu reden sein, Sie haben den Rubikon überschritten', schleuderte da Südbadens Oberlandesgerichtspräsident Zürcher dem Aggressor entgegen. Auf Grund einer Polizeiverordnung vom 22. April 1910 'zur Sicherung der öffentlichen Reinlichkeit und Gesundheit der Stadt Freiburg' wurde südwest-staatfreundliche Flugblattwerbung um Dreisamufer untersagt. 

Auf der anderen Seite antwortete der Mannheimer Oberbürgermeister Dr. Heimerich durch eine geharnischte Flaggenerklärung. Es war der Versuch unternommen worden, die Bundestrikolore durch badisches Gelb-Rot-Gelb an die Wand zu drücken. Das hatte sich die 'Arbeitsgemeinschaft der Badener' als Demonstration vor den Augen des laut Badische Post 'schwäbischen Politikers der Südweststaatkampagne', Theodor Heuss, ausgedacht, der zur Brückenweihe in Mannheim erwartet wurde. Von 400 angebotenen badischen Fahnen wurden aber nur 29 abgekauft, und diese nur vereinzelt gezeigt. 

Schon vor Müllers Rubikon-Übertritt war die versierte Kampfeslyrik des vor 1933 verdienten Alt-Reichskanzlers a. D. Joseph Wirth durch massivere Versle abgelöst worden. Die brüllen von der nordbadischen Kurverwaltung einexerzierte Studenten-Radaukommandos in den südweststaatlichen Versammlungssälen. Mit 'Frisch auf, mein Badener Land' werden stellenweise Südweststaatplakate in Fetzen gerissen. 

Im Plakatkrieg spielen kleinbadischerseits vergleichende Abbildungen der Bahnhofsfassaden von Stuttgart und Mannheim eine gewisse Rolle ('Stuttgart vorne, Mannem hinne'): Während des Krieges war die Hauptfassade des Stuttgarter Bahnhofs weniger zerstört worden als die des Mannheimer Bahnhofs. Sie konnte deshalb rascher wiederhergestellt werden. Die Badener wollen nun mit 'Stuttgart vorne' demonstrieren, dass für die schwäbischen Bahnhöfe alles, für die badischen nichts getan worden und deshalb eine staatliche Verschmelzung Baden mit württembergisch Schwaben ein Debakel sei. 

Worauf der nordbadische Landesdirektor Kaufmann in Richtung Freiburg sprach: 'Hätten die Stuttgarter die Vorderfassade ihres Bahnhofes vollends zerstören müssen, damit sie den Alt-Badenern kein Ärgernis bieten?'

 
 

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