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Der Kampf um die Einheit im Südwesten
Am 30. April 1945 war das Gebiet des heutigen Baden-Württemberg vollständig
von amerikanischen und französischen Truppen besetzt.
Der Zweite Weltkrieg war zu Ende. Die Kapitulation des Deutschen Reiches
am 8. Mai setzte den Schlusspunkt. Soweit das Land an der
Reichsgrenze lag, galten die Grenzen von 1937: Österreich und das Elsass
waren wieder Ausland.
Während das Nachbarland Bayern die
Rheinpfalz verlor, änderte sich am Gebiet der Länder Baden und
Württemberg nach außen fast nichts: lediglich Kehl schien eine Vorstadt
von Straßburg zu werden. Erst 1953 durften alle deutschen Einwohner in
die Stadt zurückkehren.
Gewichtiger als die alten Ländergrenzen im
Südwesten waren jetzt die Zonengrenzen. Sie waren von den
Alliierten schon vor der Besetzung festgelegt worden. Von wesentlichem
Einfluss auf die Grenzziehung war der Verlauf der Reichsautobahn.
Die Grenze zwischen amerikanischer und französischer Besatzungszone
verlief mitten durch Baden und Württemberg entlang der Autobahn
Karlsruhe, Stuttgart, Ulm. Die Amerikaner wollten diese und andere
Verkehrslinien als Verbindung vom Rhein-Main-Gebiet nach Bayern in der
Hand behalten. Deshalb wurden alle Landkreise, die von der Autobahn
berührt wurden, zur amerikanischen Zone geschlagen.
Die Franzosen wiederum verlangten den
bayerischen Kreis Lindau als Landverbindung zu ihrer Besatzungszone in
Vorarlberg. Deutsche verantwortliche Verwaltungen gab es nicht, an ihre
Stelle traten Militärregierungen. Da die Franzosen unbedingt
Stuttgart erobern wollten, um politische Forderungen gegenüber ihren
Verbündeten durchzusetzen, erlebten die Bewohner von Stuttgart und
Umgebung beide Besatzungsmächte und konnten vergleichen:
Die Franzosen (21.4.-7.7.1945), die
den Krieg im eigenen Lande erlebt hatten, verbreiteten in den ersten
Tagen und Wochen vor allem mit ihren Kolonialtruppen Furcht und
Schrecken: Vergewaltigungen von Frauen, Wegnahme von Lebensmitteln,
Abtransport von Maschinen (Demontage) und Kahlschläge in den Wäldern
prägten sich dem Gedächtnis ein.
Die Amerikaner galten, nicht nur in
Stuttgart, als 'Befreier', obwohl sie zunächst keineswegs diese Rolle
spielen wollten. Auf jeden Fall verhielten sie sich korrekter als die
Franzosen, griffen aber stärker in die Verwaltung ein und nahmen
nachdrücklicher die Verfolgung ehemaliger Nazis auf. Sie waren bald
bereit, durch Lebensmittellieferungen der Bevölkerung zu helfen, denn
die Versorgungslage war schlechter als vor 1945, in der französischen
Zone am schlechtesten.
Die Besatzungsmächte erlaubten wieder politische
Parteien. SPD und KPD setzten die Tradition der Weimarer Zeit fort.
Die einstigen demokratischen und liberalen Gruppierungen fanden sich in
der Demokratischen Volkspartei (DVP) bzw. der Freien Demokratischen
Partei (FDP) zusammen. Die neu gegründete Christlich-Demokratische-Union
(CDU) überwand den konfessionellen Gegensatz der früheren christlichen
Parteien.
Die Zoneneinteilung verhinderte die
Wiederherstellung der alten Länder Baden und Württemberg. In Anlehnung
an die Zonengrenzen entstanden bald unter Aufsicht der
Militärregierungen drei neue Länder mit sehr unterschiedlicher
wirtschaftlicher Kraft:
"Württemberg-Baden" unter
amerikanischer Besatzung mit dem Regierungssitz Stuttgart. In Karlsruhe
gab es nur eine Landesdirektion. 1950 entstand mit dem Bundesgerichtshof
dort die 'Residenz des Rechts'.
"Württemberg-Hohenzollern"
unter französischer Besatzung mit dem Regierungssitz Tübingen. Die
anfängliche Hoffnung auf die Wiedervereinigung von Süd- und
Nord-Württemberg erfüllte sich nicht. Hohenzollern konnte nicht mehr
mit Eigenständigkeit rechnen, da sein 'Mutterland' Preußen 1946
aufgelöst wurde.
"Baden" unter französischer
Besatzung mit dem Regierungssitz Freiburg. Der Name Baden (nicht
Südbaden) brachte den Anspruch auf ganz Baden zum Ausdruck. Heimliche
Hauptstädte waren daneben zunächst die Hauptquartiere der
Besatzungsmächte: Heidelberg und Baden-Baden. Beide Städte waren
absichtlich von Luftangriffen verschont geblieben.
Jede der drei Länderregierungen versuchte
mit ihren Mitteln, die Not der Nachkriegszeit zu überwinden und den
Wiederaufbau einzuleiten. Größere Erfolge traten erst seit 1948 ein,
als nach der Währungsreform die Wirtschaft wieder in Gang kam.
Die Reichsmark hatte ihren Wert fast ganz verloren. Am 20. Juni 1948
erhielt jeder Einwohner 40 DM (Deutsche Mark), im August weitere 20 DM.
(Im Jahr 1989 waren es dann schon wenigstens
100 DM, und beim EURO durften wir dann in die Vollen gehen ..) Die Reichsmarkguthaben wurden nur zu einem
kleinen Teil gutgeschrieben: DM 6,50 für RM 100,-.
Die Rationierung der Lebensmittel
wurde 1950 vollends aufgehoben. Nun besserten sich die
Voraussetzungen für den Wiederaufbau der zerstörten Städte. Für die
Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Gebieten im Osten und die
Flüchtlinge aus der Sowjetzone (bis 1951 waren es 1.005.666) wurde das
Leben hoffnungsvoller. Von 1945 bis Ende 1950 strömten sie in mehreren
Schüben zu uns ins Land, zunächst fast nur in die amerikanische Zone,
dann durch Umsiedlung auch in die französische.
Der Wiederaufbau nahm einen weiteren
Aufschwung, als sich 1947/48 die bisher selbständigen westlichen
Besatzungszonen zusammenschlossen (1947 Bizone: amerikanische und
britische Zone; 1948 Trizone).
1949 entstand dann die Bundesrepublik
Deutschland.
Noch heute erinnert man sich neben den
französischen und amerikanischen Garnisonen an die Sendegebiete des
Südwestfunks in Baden-Baden und des Süddeutschen Rundfunks in
Stuttgart. Beide Sender sind inzwischen zu einem Sender, dem
Südwestdeutschen Rundfunk SWR verschmolzen..
Vor der Gründung des Landes und vor der Namensgebung sprach man
vorläufig vom Südweststaat. Der Gedanke, einen Südweststaat zu
schaffen, hatte schon nach dem Ersten Weltkrieg manche Befürworter
gefunden. Doch Baden, Hohenzollern und Württemberg blieben damals
bestehen.
Im November 1946 stimmte die Bevölkerung
des amerikanischen Teils mit eindrucksvoller Mehrheit der Verfassung
zu. Württemberg-Baden wurde als demokratischer und sozialer Rechtsstaat
ein Teil der deutschen Republik. Die französische Militärregierung
ordnete in ihren Besatzungszonen einen Volksentscheid an.
Am 18. Mai 1947 stimmten knapp 70 Prozent der Wähler dem
württembergisch- hohenzollerischen Staatsgrundgesetz zu.
Der erste 'Signalstoß' für einen
gemeinsamen Südweststaat nach 1945 kam also aus Stuttgart. Dort hatte im
Herbst 1946 die württemberg-badische Verfassunggebende Landesversammlung
einen großen Schritt in Richtung Südweststaat getan:
Nach Art. 107 sollten
Verfassungsänderungen bei einer Vereinigung mit Südwürttemberg und
Südbaden mit einfacher Mehrheit beschlossen werden können.
Die Regelung stieß in Freiburg auf
heftigen Protest. Der (süd-) badische Präsident Leo Wohleb
behauptete, nur die Regierung in Freiburg besitze die Legitimation, im
Namen des badischen Landes und Volkes zu sprechen. Der nächste Anstoß
zur Lösung des Problems kam von außen:
Am 1. Juli 1948 erteilten die drei Militärgouverneure im westlichen Teil
Deutschlands den elf Regierungschefs mit dem Frankfurter Dokument Nr. 2
den Auftrag, Vorschläge für eine Neugliederung der Länder zu
erarbeiten. Nach Fläche und Einwohnerzahl sollten dabei möglichst
ausgewogene Länder entstehen. Im Südwesten gab es jedoch ein fast
unlösbares Problem: Die Regierungen von Württemberg- Baden und
Württemberg- Hohenzollern wollten zusammen mit Baden ein Gesamtland
bilden. Das aber lehnte Baden kategorisch ab.
Der Dichter Wilhelm Schussen reimte
damals ganz treffend:
Das Schwabenland wie Baden
Mit Donau und dem Rhein
Des Neckars süßen Gnaden
Und dem Heilbronner Wein,
Hat Berge und Kapellen
Der allerschönsten viel,
und Bäche mit Forellen,
Den Zollern, Hohentwiel
Und noch im dicksten Nebel
Den Scheffel und den Hauff,
Den Uhland und den Hebel,
Den Schiller obendrauf.
Die Alemannen, Schwaben
Rund um den Bodensee,
Wo sie ihr Herzmeer haben
Umblüht von Firnenschnee,
Sie finden keine Klammer,
Obwohl von gleichen Stamm,
Es ist so recht von Jammer,
Sie stehen rückwärts stramm,
Und streiten um den Namen
Und streiten schließlich sich
Allein noch noch um das Amen
Und um den Bindestrich
In dieser Situation lud Ministerpräsident Reinhold Maier am 2.
August 1948 die Regierungschefs, Landtagspräsidenten und die
Fraktionsvorsitzenden der drei Länder zu einer ersten klärenden
Besprechung auf den Hohenneuffen bei Nürtingen ein.
Die gegensätzlichen Positionen traten dabei klar in Erscheinung.
Zahllose Beratungen folgten, jedoch ohne Ergebnis, nicht einmal
wesentliche Fortschritte konnten erzielt werden.
Hauptgegenstand der Gespräche war neben der
Südweststaatsbildung der Volksentscheid, der nicht nur von den
Alliierten vorgesehen, sondern auch von den Landesverfassungen
vorgeschrieben war. Umstritten war die Frage der Abstimmungsbezirke bzw.
des Auszählungsmodus sowie die Formulierung der Frage, die der
Bevölkerung vorgelegt werden sollte. Während die Freiburger dafür
eintraten, dass die Stimmen nach den beiden alten Ländern zu zählen
seien, verlangten die Stuttgarter die Zählung der Stimmen gesondert nach
den vier Landesteilen Nord- und Südbaden sowie Nord- und
Südwürttemberg. Zu einem Kompromiss war keiner bereit.
Jeder glaubte, mit seinem Abstimmungsmodus
gewinnen zu können: die Freiburger die Wiederherstellung des alten
Badens und die Stuttgarter den
Südweststaat.
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