Jeder Schwabe hat das Recht auf seinen Eigensinn. Und so kommt ein echter Stuttgarter auch nie aus Stuttgart, sondern aus Cannstatt, aus Sillenbuch, Degerloch, Heslach, Vaihingen, Mühlhausen oder einem der vielen anderen Teilorte.

Stuttgart wurde lange Zeit als Sinnbild des Bedächtigen, Langsamen, Verhocktem und Verdrucktem angesehen. 
Selbst wenn das noch so wäre, es stört hier keinen. Denn man ist damit gut gefahren, ja man könnte es fast als Erfolgsrezept verkaufen. 

In den letzten einhundertachtzig Jahren hat die Stadt ganze elf Oberbürgermeister gehabt, nicht aus Sparsamkeit, sondern weil es immer die richtigen waren - der jetzige muss das allerdings noch beweisen !

Am geistigen Horizont der Stuttgarter merkt man, dass sie im Kessel leben - sagen die Cannstatter.
Unser geistiger Horizont ist so weit, wie der Blick vom Fernsehturm - antworten die Stuttgarter

Für beides gibt es genug Beispiele. 

Erstaunlich ist dennoch, wie eng hier weltoffene Visionäre und gehemmte Spießer zusammenleben. Hegel, Cranko, Daimler-Chrysler und Tausende ausländische Mitbürger haben die Beharrlichkeit der "Entenklemmer" nicht erschüttern können. 

Und für jeden Späth und Rommel scheint es den passenden Teufel und Schuster zu geben, dessen Weltläufigkeit in einem coolen "Let's putz" gipfelt. 

Schiller hat hier gelebt, Hegel ist hier geboren, Uhland war Landtags- abgeordneter. Einsteins Mutter stammte aus Cannstatt, Goethe holte sich bei Cotta seine Honorare ab..

Thaddäus Troll kam zu dem Schluss, "dass alle Schwaben sich zwischen dem Weltläufig-Philosophischen und dem Bäuerlich-Engen hin und her bewegen, ohne sich für eines entscheiden zu können."
Welcher bekennende Schwabe könnte dabei nicht zustimmen ?

Man führt ein Rössle im Wappen, weil Stuttgart aus einem Stutengarten hervorging. Man führt einen Siebener vor der Postleitzahl, passend zu den Sieben Schwaben. Man verkauft HighTech bis nach China und bietet Kunst, Sport, Tradition und Poesie und beherbergt den größten Autokonzern der Welt.

Man heißt Aberle, Beierle, Häberle, Schmückle oder Zweigle, aber auch wer Schmückle heißt kann saumässig grob werden. Mit  dieser Grobheit schützt der Stuttgart seinen gutmütigen Charakter vor sich selbst und vor anderen.

In Stuttgart ist manches anders:

So wurde zum Beispiel das städtische Blindenheim in bester und unverbaubarer Aussichtslage gebaut, vielleicht um das Mitgefühl mit diesen Menschen in typisch schwäbisch-verquerer Weise auszudrücken.

Als das beste Stuttgarter Kaufhaus am Platze, die Firma Breuninger einen Erweiterung plante, stieß man unverhofft auf eine heiße Mineralwasser- quelle und baute kurzentschlossen ein Schwimmbad mit Blick über die Stadt, um so den unverhofften Reichtum zu nutzen. Inzwischen ist aber die diese Quelle versiegt und das Bad zugunsten von mehr Kommerz geschlossen.

Als der ehemalige Bürgermeister Klett beim der Besuch der englischen Königin Elisabeth ein Geschenk der Stadt Stuttgart überreichte, versäumte er nicht darauf hinzuweisen, dass dieses sehr teuer und kostbar sei.  Die Nachforschungen der örtlichen Presse förderten die Wahrheit zutage: das das Geschenk knapp sechzig Mark gekostet hatte !

Und Stuttgart ist meines Wissens die einzige Großstadt in Deutschland (der Welt ?), die ein eigenes Weingut hat, dessen Weine sogar über das Internet zu beziehen sind

Der Weinbau hat in Stuttgart eine jahrhundertelange Tradition. Wein machte den Reichtum der Stadt aus. Nachgewiesen ist er erstmals für das Jahr 1108: Damals schenkte Mönch Ulrich dem Kloster Blaubeuren einige Weinberge, seit 1236 sind Menge und Güte der jährlichen Lesen überliefert.

Namen wie "Cannstatter Zuckerle", "Stuttgarter Mönchhalde", "Uhlbacher Götzenberg", "Untertürkheimer Mönchberg" oder "Stuttgarter Kriegsberg", gereift in Deutschlands zweitgrößtem Weinbaugebiet, sind weit über die Landeshauptstadt ein Begriff. 

Weinberge direkt im Stadtgebiet

Der Stuttgarter schätzt seinen Freiraum, überall, so wie auch in einer alten Anekdote beschrieben: 

In einer kleinen Wirtschaft sieht die Bedienung aus dem Fenster und sieht, dass sich eine Wandergruppe dem Lokal nähert: 'Oh Wirt, was deem mr au, dô kommat sechs Stuagarter ond mir henn blos femf Disch?"

Während also traditionell die Schwaben gerne alleine bleiben und dementsprechend ein Lokal mit 8 Gästen und 7 Tischen eigentlich überfüllt ist, muss bei einem Besenwirt mit zwei Tischen erst etwa ab dem 20. Gast der zweite Tisch überhaupt eröffnet werden! 

Geselligkeit schätzt der Stuttgart aber auf seinen vielen Hocketsen, das sind Feste unter freiem Himmel, die von Mai bis Oktober in allen Teilorten von Vereinen organisiert werden. Dazu kommen das 'Stuttgarter Weindorf', das Frühlingsfest, das 'Cannstatter Volksfest' auf dem 'Wasen' und natürlich der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt, jeweils mit Millionen von Besuchern.

Hier pflegt der Stuttgarter behäbige Gemütlichkeit, bei der auch Fremde willkommen sind, zumindest wenn sie Geld liegen lassen und nicht an schwäbischen Grundsätzen herumkritisieren. Hoffen wir es wenigstens !