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Es
gibt Vorurteile, die sind keine Vorurteile, weil die Wirklichkeit die
Vorurteile aufs heftigste übertrifft.
Keine Kunst zu raten, worüber
ich da als nach Stuttgart umgesiedelte Norddeutsche wohl schreiben
muss: natürlich über den hiesigen Putzwahn.
Bedrückend ist ja nicht nur die Tatsache, wie oft
geputzt werden muss, sondern auch mit welcher Perfektion. Gutwillig
lasse ich mich noch darauf ein, dass die Fenster im Treppenhaus jede
Woche gesäubert werden müssen. Aber schon bald kommt die
Beschwerde, dass auch das Fensterbrett immer gewischt werden muss,
"sonst wird es ja ganz schwarz". Okay, okay.
Bleibt nur noch abzuwarten, wann die findige
Hausgemeinschaft mir auf die Schliche kommen wird, dass ich nicht
jede Woche auch innen zwischen den aufklappbaren Doppelglasscheiben
saubermache. Und tatsächlich regt sich sogar schon mein eigenes
Gewissen... Ist das nun ein Zeichen von Inkulturation?
Neulich habe ich bei der Kehrwoche ganz eifrig sogar
die Blätter unten in einem Regenrinnenrost entfernt. Mir kam der
starke Verdacht, dass dort lange keine Putzaktivität stattgefunden
hatte. Aber wie kann ich als Anfängerin, als ABC-Schützin der
schwäbischen Putzkultur, schon beurteilen, wie hoch der
durchschnittliche wöchentliche Blätteranfall ist?
Da beuge ich mich ehrfürchtig dem erfahrenen
Weitblick der Alteingesessenen und behalte meinen Verdacht für
mich.
Zum Glück wohne ich in einem sehr humanen Haus: Die Mülleimer
werden zum Beispiel nur vierzehntäglich ausgespritzt.
Trotzdem träumte ich eines Samstag morgens, das
Hinterteil einer fülligen Dame sei, als sie den Grund einer
Mülltonne säuberte, darin steckengeblieben. Eine fürchterliche
Vorstellung! Erschreckt fuhr ich hoch. Aber beruhigt sank ich
zurück, als ich das vertraute Geräusch fegender Besen aus dem Hof
vernahm. Das spricht doch wohl dafür, dass ich bald eingesehen haben
werde, dass eben auch Norddeutsche das Kehrwochen-Ritual für ihr
seelisches Gleichgewicht brauchen.
Samstags
- Gespräche bei der Kehrwoche ..
"
Hallo, Herr Nachbar. Wasch isch denn mit ehne los? Abber Karle, i
hann de ja scho e Ewigkeit nemme g´seh! Sen er em Urlaub gwäh ? Du
siehsch ja soo gelb aus, wirsch doch gar au no krank sei? Hasch dös
von Eierem Urlaub mitbroacht? I han doch glei zur Elfriede gsaggt
g´het "Was wellet denn Ihr au in Südamerika bei de Indioaner!
Und woas do so viel Summpf un Schlange hoat! Un was mer dauernd im
Tifi sieht ibber die viele Eits-Grange in Rio unn in Kenia ! Schlimm,
schlimm kann e do blos sage. Wersch der doch net gar bei so oinere
was g´holt habbe ? "
" Abber so isch´s noa au widder, wenn ´s em Esel z´wohl wird,
noche fängt er uff sei alde Dag au no oa zu verreise. Und
d´s´Ländle isch scheinbar nemme gut g´nug! Dabei habbe e emmer
gmoint g´het, Du hädsch Dei Mittleifkreisis scho vor 7 Joar
vollends bei unserm letzte Kegelausflug "Ballermann alle
Neune" mit der Sailers Carline ausdobt g´het! Sag e mol, wo
senn er denn do genau gwäh? Isch dös glei hinder Teneriffa ? "
" Moensch, hasch iebriggens geschdern oabend dös G´schrei bei
denne g`hört ghet? So, um de halber neine, woa er widder mit seim
Balle hoamgkomme isch? Do war Schdar Dreck 17 am Samsdich Oabend en
Rentnerfilm dagege, dös kann i der fei sage. Un e Viertel Schdund
später hat se de Topf mit de Kuddeln un de Broatkardoffeln glatt zum
Fenschder nausg´schmisse! Dabei kenne die sich does doch garnet
leischde, die hen doch ´s letzte Kartoffeläckerle als Bauplatz
verkauft! Abber wahrscheinlich hat er scho widder oamoal wo andersch
g´veschbert g´het. Abber wenn e ehrlich bin, ii kann d´r Fritz
verschdande, so wie die Carline sich in de letzde baar Joar geh lesd!
"
" Komm her Karle, jetzt sage d´r was. Abber koasch au Dei Maul
halte? Brauchsch´s net glei ibberall rumzuverzehle, gell. Vor ellem
net Deinere Elfriede, schonsch weiss es morgen frieh sogar scho d´r
Herr Pfarrer. Also, wenn´s Maul halte koasch, no sage ´s der ganz
im Vertraue: I glaab, die Carline hoat en d´r Schdadt en Freind, so
en ganz junge Schpund! Un der wird erre ae Haufe Geld koschde. "
" Weil d`Hechelmeiere hatt mer gsagd, dass se vorgeschdern
Carline beim Metzger Häberle in d´r Seilersgass´ verwischd haeb,
wie se zwei Pfund Hundefutter g´kauft hätt! Un dabei henn doch die
no nie aen Hund ghett ghett! D´r arm Fritz, sie kochd em ´s
Hundefudder und verjuxt de Bulver mit dem junge Kerle. Dö hatt mer
d´Hechelmeiere scho vorvorletzschd Woch´ verzehlt, dass se die
beide gseh ghet hoat, wo er ihre de Buggel eigschmiert hat. Unn dös
am helle Samsdich middag am Endedeich im Schdadtpark! "
" Abber dös henn ihr ja garnet mitkriege kenne! Ihr seit ja
s´Baesle von Deinere Elfriede in Südamerika b´suche gwäh! Verroat
mer´s doch jetzt oamoal, wie enn normale Arbeiter sich does
finanziell unn ibberhaupt leiste koa? I han zum Gustel g´sagt,
entweder henn se g´erbt odder im Lotto g´wonne! Weil dei Elfriede
hatt mer´s nemme verroate kenne, die war ja so uffg´regt und malad
wege de viele Impferei vor Eierem Urlaub. "
" Ach, un bevor e es vergess´, wie war er denn ibberhaupt, Eier
Urlaub uff em Bauerhof in d´r Kolonie Germania ? Hasch wenigschdens
g´nug zum Esse kriegd? Was mer do immer so em Fernseh´ sieht und
was se in meiner "Latrina" so immer jede Woch´ ibber die
Länder schreibe! Karle, fierchderlich, ganz fierchderlich, dös kann
i der blos sage. "
" Un Du siehsch au so schlecht aus, soo griiehn im G´sicht, vor
ellem um d´Nas rum ! Kannsch mer´s ruhig verzehle, wie ´s gwäh
isch.
Karle, komm´, mach scho noahre, I hann abber blos no ä Minud Zeit,
i sott scho seit ´r halbe Schdund beim Frisöhr sei! Hasch me jetzt
lang g´nug uffg´halte unn mei Kehrwoch´ hanne au not net fertig
g´macht.
Also, jetzd verzehl´s mer nommer, i verzehl au nix weider! Du weisch
doch, Karle, jetzt kenn´sch me doch scho seit fast fierzig Joahr, i
kann schweige wie ä Grab. Hano, i werd´ me doch net austrage lasse
! Hano, wo dät ´r mer denn do au noagkomme! "
" Was, mein Guschdel hat g´rufe ghet? Des hanne garnet g´hört
ghet, erscht ´s zweite Mol. Dem werde was verzehle, wenn i me ämoal
2 Minudde mit em Nachbar unterhalte du unn er net oamal oimal
d´Krummbiere selber uffstelle koa ! "
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