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Die Kehrwoche VII
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Jeder rechte (nicht politisch!)
Schwabe hat ein zwiespältiges Verhältnis zur Kehrwoche..
.. weil die Balance zwischen
Sauberkeits- und Putzwahn ähnlich schwierig ist, wie zwischen Genie
und Wahnsinn. Ralf Metzler meinte dazu:
Wer kenndse ned, duiselle reachde
schwaebische Hausfraua, wo da Bbirgerschdaig vorrem Haus nass
uffbudsed, ond des selbsd en da graischde Hidds oder em haerdeschde
Wender?
Oder dui kloine Methedle, damid
d'Nochbor au merged dassd mer d'Kehrwoch au macha duad: Exdra
schdengichs Bohnerwachs, glebbere middem Schdrubfer (oima andersch
hoisst ma dees au Schtielbischta) am Drebbaglender ond laudschdarg
iber da Dregg, wo dia vom erschde Schdogg schau wiedr nagseddsd hend,
bruddle? Jaja, d'Kehrwoch: Endschdanda isch se aus amma Erlass aus am
wirddabergischa Herrscherhaisle, damids om d'Residens sauber ond
higienisch sei soll.
Fungdsioniera duad des so: Jeder
Mieter kriagd en regelmaessiche Abschdaendle a klois Kardozaedele an
sei Diar nohghaengd, wo Kehrwoch druffschdohd (em meim Haus isch no a
sches Bildle von amma Schdrubfer druff). Des kah dann di gross oder di
kloi Kehrwoch sui, wo er dann macha muass. Je noch Hausregel gherd
dann Drebbahaus, Kellervorreimle, Faradkeller, Gardewegle,
Birgerschdaig ond sonschd no aebbes uff dr Gass drzua. Milloimer
nausschdella, wenn Millabfuhr ischd, sich om da Komboschd kimmara.
Des kah ganz sche viel werra. Abr
emmer efder geids au an Hausward, wo gega Geld des mid de Milloimr ond
vorram Haus machd.
Ond grad en Schduagard hoddmer se offiziell abgschaffd, onser guade
Kehrwoch. Abr sgeid se drodsdem no doh, weil da Vermiader des jo
ellaweil no en da Verdrahg neischreiba kah. Wia au emmr, d'Kehrwoch
ischd ond bleibd ein Sakrileg. Fir mi ischs graischde, en da
Bullehidds em sommer d'Schdrohs vor onserem Heisle z'faega. Ond
Wenn mr amohl en kehrwochenfreie
Gebiete komma duad, wia zom Beischbiel noch Baiern, no graussdse jo
grad, wia ohmeglich des en saelle Heiser aussiehd. Do ka mr sich jo
nedd wohl fiehle. Zeig mir dei Draebbaheisle, ond i sag dr was fir an
Mensch du bischd. Des sag i dir, ...
A brobo: En grosse Taile von Badde hodd sich d'Kehrwoch au schau
durchseddsa kenna, dia send hald au nemme so verkehrd, dord, gell.
Isabell Hauser-Schöner ist dem
Sauberkeitsfimmel nachgegangen.
Gefunden unter: ??
Wohnung, Haus und Hof müssen überall in der Welt saubergehalten
werden. Die Schwaben jedoch scheinen sich dabei besonders ins Zeug zu
legen, Ihnen wird nachgesagt, der Putzeifer sei ihnen in die Wiege
gelegt worden. In der Tat gibt es historische Gründe, weshalb sie so
demonstrativ zeigen, dass sie "ihr Sach'" in Ordnung halten.
Wer die Schwaben charakterisieren will, dem fallen auf Anhieb einige
markante Eigenschaften ein. "Schaffe, schaffe, Häusle baue"
ist das wohl gängigste Etikett - und auf dem Fuße folgen dann
Merkmale wie Putzwut, Ordentlichkeit, Geiz. Ganz sicher
"wienern" nicht nur die Schwaben ihr Hab und Gut. Aber dass
sie den Hof bis auf die Straße hinaus fegen, jedem Unkraut im Vorgärtle
sofort und gründlich zuleibe rücken - das scheint doch in Württemberg
weiter verbreitet zu sein als in andere Regionen.
...
Die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Dreck ist im "Ländle"
eine Tugend. Warum das jedoch seit Generationen so ist, wissen die
wenigsten.
Zur Aufhellung hat u.a. Klaus Koziol beigetragen mit seinem Buch
"Badener und Württemberger - Zwei ungleiche Brüder". Er
wollte wissen, warum die Badener und Württemberger, obwohl sie seit
einer Generation in einem Bundesland zusammenleben, so unterschiedlich
sind. Was er herausgefunden hat über die Württemberger - genauer
gesagt über die Altwürttemberger - lässt einen äußerst
interessanten Schluss zu: Putzen und Schrubben, Wischen und Scheuern,
Aufräumen und Striegeln haben in diesem Land einen geschichtlichen
Hintergrund.
Doch zunächst einmal ist die
geographische Lage Altwürttembergers zu beachten. Das Herzogtum war
von drei "Wällen" umschlossen: Im Norden von Odenwald und
Stromberg, im Südwesten vom Schwarzwald und im Südosten von der Schwäbischen
Alb. Altwürttemberg war ein Land "hinter den Bergen", es
lag abseits der großen Verkehrsstraßen. Das bewirkte, so Koziol,
"dass nicht nur der große Verkehrsstrom bis ins letzte
Jahrhundert hinein mäßig floss, sondern auch, dass Ideen,
Weltanschauungen und Ideologien gefiltert nach Württemberg und zu
dessen Einwohnern vordringen konnten".
Zwei markante Begebenheiten zu Beginn des 16. Jahrhunderts beeinflussten
die Entwicklung Württembergs maßgeblich. Zum einen setzte sich der
evangelische Glaube durch; Württemberg wurde zu einer Hochburg des
Protestantismus, die evangelisch-lutherische Konfession wurde somit
zur Staatsreligion, Andersdenkende waren nicht geduldet. Die "Große
Kirchenverordnung" aus dem Jahr 1559 diktierte dem Volk den
evangelischen Glauben.
Das Gebiet des ehemaligen Altwürttemberg
war bis nach dem Zweiten Weltkrieg nahezu rein evangelisch.
Zum anderen waren es die ungeheuren Schulden Herzog Ulrichs, die das
Land an den Rand des Ruins brachten. Der Landtag und die darin
vertretenen Stände übernahmen zwar Ulrichs Schulden, aber nicht ohne
Forderungen: Sie erreichten auf dem "Tübinger Landtag"
(1514) ein Mitspracherecht bei der Gesetzgebung und bei der
Steuerbewilligung. Der Tübinger Vertrag zwang jeden der nachfolgenden
Herzöge, diese Vereinbarung durch einen Schwur zu erneuern.
Das hatte Konsequenzen: Die Stände
setzten sich aus Vertretern der Kirche sowie der Ämte und Städte
zusammen; die Adligen hatten nichts mehr zu melden. Die Vertreter der
Stände hielten damit alle einflussreichen geistlichen wie weltlichen
Positionen besetzt.
Hier nun beginnt die Geschichte mit der Putzwut und der demonstrativen
Ordentlichkeit. Seit der Großen Kirchenverordnung von 1559 mussten
sich die Württemberger mit einer Vielzahl von Verordnungen vertraut machen. Das tägliche Leben war bis in die letzte Kleinigkeit
vorgeschrieben und geregelt. Koziol schreibt: "Dies führte zu
einem Reglement der täglichen Lebensäußerungen, das auf die Minute
genau ablief; man fütterte, mähte, pflügte, gärtelte, nähte, aß
und schlief jeweils zur gleichen Zeit, auf einem Hof wie dem anderen,
fast anstaltsmäßig".
Diese Gängelung wurde durch den
Pietismus noch verstärkt. Die Pietisten verstanden es, die
Grundelemente ihres Glaubens auch für Nicht-Pietisten zur
Orientierung werden zu lassen. Durch Verordnungen, Gesetze und
Vorschriften wurde das soziale Leben auf eine Weise bestimmt, die
ihresgleichen sucht. Überwacht wurde alles vom Kirchenkonvent.
Der Calwer Dekan Johann Valentin Adreae, 1586 in Herrenberg geboren,
war der geistige Initiator dieser Kirchenkonvente. Er wollte das
private und öffentliche Leben in richtige, das heißt kirchliche
Bahnen lenken.
Dazu brauchte man ein Kontrollorgan:
Der Kirchenkonvent trat zweimal wöchentlich zusammen. Er bestand aus
weltlichen Gemeindevertretern und dem Pfarrer. Überwacht wurde die
Heilighaltung des Sonntags; Tanzen und Spielen, Fluchen, Lärmen und
Zanken wurden geahndet. Die Überwachung wurde durch
"Aufpasser" gewährleistet, die alles dem Kirchenkonvent
meldeten. Aber auch jeder Bürger sollte Überschreitungen melden: So
wurde das "Einander-Beobachten" und Verpetzen gefördert.
Zur Verhandlung wurde der Angeklagte vor den Kirchenkonvent zitiert.
Der Petzer bekam als Lohn das sogenannte Anbringdrittel. Es war der
Anteil an der Geldstrafe, die etwa ein Faulenzer bezahlen musste.
Am folgenreichsten war aber wohl das
"Generalrescript" von 1781 gegen die "Übelhäuser":
Jeder, der seine Landwirtschaft schlecht betrieb und sein Haus
"verludern" ließ, wurde enteignet. Wer solche "Übelhäuser"
der Obrigkeit anzeigte, erhielt zur Belohnung ein Drittel des
eingezogenen Gutes.
Da traute sich keiner, seine häusliche Wirtschaft zu vernachlässigen.
Zumindest musste man nach außen hin so tun, als würde man schwer
arbeiten. Müßiggang war - wenn überhaupt - eine Sache für den
privaten Raum. In der Öffentlichkeit gab man sich
"schaffig". Der Nachbar darf nur ja nicht den Eindruck
gewinnen, als hätte man nichts zu tun.
Um nicht in den Verdacht zu geraten,
man sei schludrig oder gar schlampig, wird auch heute noch mit
demonstrativer Geste geputzt. Da werden die Betten nicht etwa zum
Schlafzimmerfenster in den Hof hinaus gelüftet - nein, sie werden,
dekorativ über die ganze Hausfront verteilt, in die zur Straße
gehenden Fenster gehängt. Zum Frühjahrsputz werden Stühle und
Tische vor das Haus geschleppt und dort geschrubbt und auf Hochglanz
poliert. Zuletzt wird gar noch die Hühnerleiter einer gründlichen
Reinigung unerzogen.
Um die Haustüren schwäbischer Häuser herum scheint sich der Schmutz
besonders hartnäckig anzusammeln.
Nicht selten sieht man die Hausfrauen
dort stundenlang mit Eimer und Putzlappen herumhantieren - und so ganz
nebenbei hält man ein Schwätzchen mit der Nachbarin; der neueste
Tratsch wird von Haustür zu Haustür, auch über die Straße hinweg
ausgetauscht. Putzen fördert auf diese Weise ungemein die
Kommunikation. Wer erfahren will, was das Dorfleben an Neuigkeiten zu
bieten hat, der braucht nur zum Besen zu greifen: ums Haus herum
findet sich immer ein Häufchen Dreck, dem man zu Leibe rücken kann.
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