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Mittlerweile gibt es keine Protest-Stürme mehr, 'sich hald wia´s
isch, wir müssen alle akzeptieren, dass wir Schwaben halt so unsere
Eigenheiten haben.
Denn, obwohl ich mich in vielen Dingen für einen in
der Wolle gefärbten Schwaben halte und auch noch das uralte
Bauernschwäbisch verstehen und sprechen kann, gehen mir doch etliche
Angewohnheiten meiner Mitschwaben mitunter auf den Geist:
Thema: Nichts wegwerfen (=ällas uffheba)
Außer Autos und Menschen, hat sonst fast alles den 'gelben Punkt' und
darf ohne schlechtes Gewissen entsorgt werden, nicht jedoch im
Schwabenland. Man kann sich von nichts trennen, weil 'dees duads nô',
also das ist noch bestens in Schuss. Egal, ob man die Tischdecke schon
dreißig Jahre aufgelegt hat oder ob den Hosengürtel schon der Opa
trug, 'dees duads nô'.
Mein Vater hat im Keller bestimmt zehn
Brieftaschen und Geldbeutel 'em Vorrad', die ihm mitleidige
Verwandte und Freunde geschenkt haben, weil sein derzeitiger Geldbeutel
so aussieht, als wäre der schon auf den Römischen Feldzügen im
Einsatz gewesen, aber 'där duads nô'.
Ein Gürtel, der aus
Altersschwäche reißt, wird nicht entsorgt, sondern unter großem
Aufwand 'bäbbd' (also mit viel Tesafilm zusammengeklebt) und
stolz weitergetragen, weil 'där duads nô'.
Wenn meine Mutter harte Eier kocht und
diese nicht innerhalb einer Woche gegessen werden, schreibt Sie mit
Filzschreiber 'Gift' drauf. Das ist das Signal für meinen Vater
diese Eier zu essen, weil 'dia deands scho nô'.
Wird ihm dann schlecht, kein Problem: Es gibt ja noch die guten
Aspirin in Nachkriegsqualität, 'dia deands ällamôl nô!'
Thema: Understatement
Auch im Schwäbischen gilt der Satz "von nichts kommt nichts"
und alle Menschen, die es zu Wohlstand und Ansehen gebracht haben,
mussten hart und lange dafür arbeiten, wenn sie es nicht ererbt haben.
Umso nerviger finde ich das ständige
Unterstatement, ja das fast Entschuldigen fürs Erreichte. Man hat ein Häusle,
das eine 200-qm-Villa mit sieben Zimmern sein kann, fährt a alds
Audo, das sich als neuzeitliches Modell (maximal 3 Monate alt) aus Untertürkheimer
Produktion entpuppt.
Man war im Urlaub amôl wo andersch, wenn
man gerade eine langverdiente Weltreise hinter sich hat. Em Beruf
gôôhds soo, wenn man gerade das beste Jahr der Firmengeschichte
hinter sich und mr muaß sich arg uffrega, weil beim Aldi der
Kaffee um 10 Cent aufgeschlagen hat.
Wenn Sie zu einer Geburtstagsfeier eingeladen werden, 'nix Grosses,
blos a baar Bekannde ond mei Freind', dann wundern Sie sich nicht, wenn
die Feier in der Stadthalle ausgerichtet wird und sie vor lauter
Menschen den Gastgeber nicht zu Gesicht bekommen.
'Frihr send mr no efders nôch Öschdreich komma.' erzählte mir
eine Bekannte vor einiger Zeit. Im Laufe des Gesprächs stellte sich
dann heraus, dass man dort ein größeres Anwesen erworben hatte, in dem
bis zu 20 Personen gemeinsam Urlaub verbringen konnten. 'Abbr des
hemm´r no verkaufd ond ons en Idalie a richtigs Feriahaus kauft.'
Thema: Kehrwoche
Also gleich vorweg, die Kehrwoche ist sinnvoll und wird von
mir nach Kräften durchgeführt, bisher keine Klagen. Aber eines fällt
halt auf, Sinn der Kehrwoche scheint weniger der kollektive öffentliche
Sauberkeitswahn zu sein, sondern vielmehr im Gesehen werden mit Bäsa,
Kuddrschauffl, Schrubbr und Oimer zu bestehen.
Nicht das Ergebnis zählt, sondern der Beweis: ein überfluteter
Kellergang ist wichtiger als eine saubere Kellertreppe. Gängige Mittel
sind z.B. das Verräumen sämtlicher Eingangsmatten im ganzen Haus, das
absichtliche Verstreuen von Wollfusseln zur Kontrolle der Nachbarn, das
auffällige und langandauernde Plazieren von Reinigungsutensilien im
ganzen Hause oder einfach das stundenlange Stöhnen mit dem Besen in der
Hand auf dem Gehweg.
Thema: Abgrenzung
Kein schwäbisches Haus ohne einen Zaun rings herum, auch der
kleinste Vorgarten wird gesichert wie der Hochsicherheitstrakt in
Stammheim zu besten RAF-Zeiten. Wo immer möglich, wird die stabile
Stein- oder Betonmauer dem Maschendraht vorgezogen, auch wenn dadurch
oft Garageneinfahrten einer Schießscharte gleichen und man einen
Mittelklassewagen nur noch mit Einweiser einparken kann. Vor und hinter
dem Zaun wird dann noch eine Hecke angepflanzt, so dass Bollwerke bis zu
zwei Metern Dicke zwischen den Nachbarn aufgebaut sind.
Am unverständlichsten sind für mich Villen in Vorortsiedlungen,
die sich mit Hecken von 2-3 Metern Höhe von der Außenwelt abschotten
und wo man vom Wohnzimmer aus nur noch grüne Hölle sehen kann. Oder
eben auch nicht, weil der Schwabe zudem noch Vorhänge und Stores mit
der Blickdichte einer ausgewachsenen Stützstrumpfhose liebt.
Auf meiner Lieblingswanderstrecke gibt es einen Garten am Waldrand,
der vorne dran mit einem riesigen Tor gesichert ist. Links und rechts
vom Tor ist aber weder ein Zaun noch eine Hecke. Trotzdem öffnet der
Besitzer gewissenhaft sein Tor, wen er mit dem Auto ankommt und fährt
dann hindurch, auch wenn links und rechts genügend Gelegenheit dazu wäre.
Thema: Ausruhen, auch so eine Art Arbeit
Ein Schwabe ruht sich nicht aus, er hat immer was zu 'schäffla'
oder zu 'gruaba'. Daher gelten alle Formen des Ausruhens als
gesellschaftlich nicht salonfähig und müssen daher heimlich, also
hälenga, stattfinden.
Wer lange genug 'gruabd' hat, also gearbeitet, der 'derf au amôl
ausgruaba', also sich im Sitzen Gedanken über die nächsten Aufgaben
machen. Wenn mein Vater sich mal beim Ausspannen ertappt fühlte, begann
unweigerlich sein nächster Satz mit den Worten: 'I hab mir grad
ieberlegd, ob i net als nächschdes da Garda mäha soll.'
Entspannung im Liegen gilt als Hochverrat und wird mit den Begriffen
'stracken' oder 'flacken' bezeichnet.
'Stracken' ist dabei eine Spur positiver als 'flacken'.
'Jetzt hanne mein Gaul da ganze Wender iber durchgfuadarad ond jetzt em
März wurd' nôgschgdrad ond verreckt!' oder 'Draussa isch so gladd,
dass´e scho an dr Drebb nôôgschgdragd bee.'
'Flacken' dagegen bezeichnet einen Zustand des absichtlichen
Abliegens, 'Mei Jongr isch a faule Sau, där flaggd da ganza Daag em
Bedd.' oder 'Bei deane flaggd au´s Werkzeig ieberall rom.'
Noch negativer besetzt ist 'fläza', also dieses sich in aller
Öffentlichkeit bei absichtlichem Nichtstun in provokant lässiger
Sitzhaltung beobachten zu lassen. 'Jeddz fläz de net so em Sessl rom,
hosch nix zom doa?', sind so typische Schwabenworte, wenn ein Partner
bereits Entspannung sucht und der andere noch im Arbeitsfieber verharrt.
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