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Der
Schwabe liebt es, Richtungsangaben aller Art sehr präzise
auszudrücken und hat sich deshalb eine Vielzahl ganz prägnanter
Worte geschaffen.
Interessant
ist vor allem die sprachliche Unterscheidung zwischen
Richtungsangaben auf den Sprecher zu oder von ihm weg und solchen,
die der Sprecher selbst durchführt.
Wenn
man niebr geht, dann geht man zu jemand hinüber. I gang
g'schwend zom Paule niebr sagt der schwäbische Ehemann, der
seinen Freund Paul auf ein Bier besuchen möchte. Die Aussage Heut
ôbad kommt mei Muddr zom Nachtesse riebr, verdirbt dagegen
manchem müden Familienvater die Aussicht auf gemütliches Bier beim
Fernsehen.
Apropos:
Würde er jedoch sagen, dr Paule isch hinieber, dann müsste
man den schwarzen Anzug auslüften und könnte sich auf eine
Beerdigung vorbereiten.
Wisawih
vo dr'Boscht isch a Baustell, do missat se ällso anderschrôm fahra,
wird Ihnen ein Schwabe sagen, wenn er Sie darauf hinweist, dass
direkt gegenüber dem Postamt eine Baustelle ist und Sie also
gezwungen sind, einen anderen Weg zum Ziel zu suchen. Ist die
Baustelle bereits zu sehen und ganz in der Nähe, dann ist sie dô
drieba, wäre Sie etwas weiter weg, dann wäre sie dô dômma.
Ra
ist nicht der ägyptische Sonnengott, sondern die schwäbische
Bezeichnung für herunter. Ra vom Poschdamentle mahnt man den
Politiker, der jegliche Bodenhaftung verloren hat, gell Herr Fischer.
Em ra sagt der Vater zu seinem Sohn, der bei der Arbeit im
Weinberg bemerkt hat, dass ein Nachbar seine Hacke vergessen hat und
meint damit: Lieber Sohn, wenn unsere Arbeit erledigt ist und die
Hacke dann immer noch unbemerkt herumliegt, dann sollten wir über
einen Besitzerwechsel intensiv nachdenken.
Mit der
drohenden Aufforderung Komm fei sofort dô rondr wird ein
fremdes Kind aus dem eigenen Kirschenbaum gescheucht, also zum
Standortwechsel von oben herunter zum Betrachter gezwungen. Ruft
jedoch ein Vater Glei komme fei nondr aus dem Fenster, dann
droht er seine Anwesenheit den Kindern im tiefer liegenden Hof (also drônda)
an.
Am
Bodensee oder in Oberschwaben fährt mr eisserscht ôgern nach
Schduagert nuff, hat man doch (teilweise historisch bedingte)
Vorbehalte gegen dia Grosskopfete dô dôba. Dabei gibt es in
Stuttgart fast keine echten Stuttgarter mehr, weil mir ja jetzt alle
Global Player sind. Wenn Sie in ein schwäbisches Haus eingeladen
werden, dann geschieht dies meist mit den Worten Kommat Se nô
ruff, Sia schdörad iberhaubt net, was sich dadurch erklärt,
dass ein Hausbesitzer im ersten Stock seines Hauses wohnt. (Weil man
da am wenigsten heizen muss, die Wohnung wird ja von den
Mietern darüber (driabr) und darunter (drônda) ganz
gut mitgeheizt).
Dô henda hend'se heut zerschtmol g'heiat ist die für Nichtschwaben unaussprechliche Aussage,
dass auf der Wiese dort drüben heute mit der Heuernte begonnen
wurde. Dô henda muase meine Henndschich vrlôra hau, meint
dagegen, dass irgendwo in da hinten mein Besitz einen empfindlichen
Verlust erlitten hat.
Merkwürdigerweise
gibt es kein schwäbisches Wort für vorne im Sinne von vorne dran,
vermutlich weil der Schwabe eher konservativ und rückwärtsgewandt
denkt. Vorne ist daher nur der Richtungswechsel im Sinne von nach
vorne kommen, so die Aufforderung des stolzen Hundebesitzers an
seinen Hund Ja gôsch du glei dôhenta firre, also die
Drohung, wenn du blöder Hund dich weiterhin in dieser Pfütze
wälzt, dann gibt es Schappi-Entzug.
Für
alle Richtungen kennt der Schwabe auch so etwas wie eine
Verlaufsform, die in einem Wort eine Abfolge von Tätigkeiten
ausdrückt: nauszuas, also auf dem Weg hinaus, raazuas,
also auf dem Weg herunter, sowie analog neizuas, rômzuas,
nieberzuas, naazuas oder neizuas.
Dô henna isch aber saumässig hois, sagt ein Schwabe beim Betreten eines gut
geheizten Zimmers und mahnt damit den übermäßigen Hitzestau im
Inneren eines Hauses an. Vor dem Betreten des Zimmers hätte er, beim
gleichem Kenntnisstand, gesagt: Dô drenna isch aber
goddsmillionisch hois.
Anders im Winter wo man behaglich am Fenster stehend in die
Kälte schaut und denkt dussa siahts arschkalt aus, bis man
selber vor die Tür gehen muss und denkt, hussa isch doch net so
saukald.
Noch
weiter drinnen kennt sich der Schwabe auch aus und sagt wia's enna
drenna aussieht gôht koin was â. Damit will er ausdrücken,
dass sich die innersten Werte eines Menschen schlecht einsehen lassen
oder anders ausgedrückt: mr sieht halt blos dra'nô ond net
drannei.
Gewundene
Gedankengänge, die bei der zu Querdenkerei neigenden schwäbischen
Grundhaltung an der Tagesordnung sind, bezeichnet man sehr treffend
als hindersche firre denka.
Auch in
der Höhe unterscheidet man sprachlich sehr fein. Do ôba hängat
nô a paar g'rauchte Forella, am beschda send dia ganz ôba dôba. Wir
haben oben in der Räucherkammer noch ein paar schöne Forellen,
geschmacklich am besten sind diejenigen, die ganz oben hängen.
Den
Urlaub verbringt mancher Schwabe ônda in Iddalie, und achtet
sorgfältig darauf Mitbringsel (Schmuggelgut !) im Kofferraum ganz
ônda na zu dô, damit der aufmerksame Zöllner nicht gleich
über Rotwein und Parmaschinken stolpert.
Auch
eher wage räumliche Angaben sind problemlos möglich. Dôhannrôm
isch nô nia was weg'komma, versichert jeder Wohnungsbesitzer
seinem neuen Mieter. Vorsicht, diese Aussage bezieht sich unter
Umständen nur auf den einen Quadratmeter rund um die Mülltonne!
Gang ône em Schadda, dass d'Sonn de net sticht, pflegen
genervte Mütter zu ihren dauerquengelnden Kinder zu sagen und hoffen
damit auf ein Entfernen der kindlichen Lärmquelle in beliebiger
Richtung.
Fragen
Sie einen Schwaben nach dem Weg zum Rathaus, und er sagt, des isch
glei dô danna, dann ist wirklich nicht mehr sehr weit. Sagt er
jedoch, dô miassat se dannawärts gau, dann kann es sich auch
noch einige Zeit hinziehen ...
Mit
einem mittelständischen Betrieb, der in den roten Zahlen ist, gôhts
abersche, und wenn der traurige Inhaber seine Bilanzen liest,
dann hauds'en ärschlengs, weil es mit seinem Betrieb eben
nicht firsche geht.
Wo
nôh soll dees no fihra, sagt sich ein Schwabe in solch prekärer
Situation.
Zum Schluss noch ein paar Worte zu 'naa' (herunter, hinab) und 'nââ'
im Sinne von hinwärts oder hin. (Die korrekte Aussprache sollten sie
uns Schwaben überlassen)
So bedeutet nââlangen (zugreifen) etwas anderes als naalangen
(hinunterfassen) und wenn meine Frau zu mir sagt 'Gang mid am Hond naa',
dann 'gang i mid am Hond zur der Wies nââ, damit dr Hond nââsoicha
kô.'
Danach 'mach i nôôre', also ich beeile mich, um wieder ins Haus
zu kommen.
Zu
diesem Thema sandte mir am 19.9.2003 Peter Rieger aus Biberach
folgenden Text:
Der Oberschwabe,
zumindest der aus Biberach, fährt, wenn er ein Ausflügle macht an
da See nauf keine Frage, welches Gewässer gemeint ist.
Aber wieso nauf?
Besagter See liegt ja von den Höhenmetern her viel tiefer als die
Herzpunkte Oberschwabens. Uff (Auf!) Schdueget fährt man naa,
uff Ulm au, während man sich uff Frankfurt, Berlin oder Hamburg
wieder nauf begibt.
In die
allernächsten Ortschaften, die also, aus denen der urbane
Oberschwabe stammt, oder in denen er Verwandtschaft hat, fährt er naus.
Naus ist das Begeben in etwas Vertrautes, so wie im Gegenzug die
Verwandtschaft vom Land en d`Schdadt nei fährt.
In teilvertraute
Orte des Nahbereichs, in die man zwar nicht so oft kommt, denen man
aber durchaus das Prädikat Heimat im weiteren Sinne zuspricht,
fährt man nomm. An Orte, die früher nicht ohne weiteres
erreichbar waren, weil hinter Wäldern oder zwischen Bergen oder halt
sonst em Ogrecheta gelegen, erreicht man, indem man hendere
fährt.
Naus, nomm und
hendere sind
also die Erreichbarkeitsmerkmale für vertrautere und sympathische
Orte, während nei relativ wertneutral ist. Uff Mencha
fährt man nei, auch in die Schweiz oder uff Eeschdreich,
während man jedoch in den Bregenzerwald wieder henderefährt.
Das naa ist
eine eher unpopuläre Hinwendungsangabe, hintergründig lässt der
Oberschwabe da ein gestörtes Verhältnis zu den Menschen
durchblicken, die da wohnen, wo naa ist, nämlich donda,
Warum fährt man
sonst zu Orten, die weiter weg sind, als der Ort zu dem man naa
fährt, wieder nauf - obwohl es eigentlich doch immer naa
geht?
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