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Der Hang zum Pietismus steckt latent in der
schwäbischen Seele, die neben Geld eigentlich nur noch den Himmel
gelten lässt, vielleicht gerade noch einen guten Trollinger...
Am besten gefällt mir in diesem Zusammenhang das
Herbert Wehner zugeschriebene Wort vom 'Pietkong', mit dem er
den damaligen Minister Erhard Eppler charakterisierte. Beide waren
innerhalb der SPD ein Beispiel an Redlichkeit und Pflichtgefühl, aber
Eppler besaß dazu diese rührende schwäbische Unfähigkeit, sich in
der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Schon als Kind
faszinierte mich der übermächtige schwäbische Trieb, sich zwar allem
weltlichem Einfluss entgegenzustemmen, aber dafür der Kirche einen
übergroßen Raum im Alltag zu überlassen.
Dies hat sich in den letzten Jahren ziemlich verändert, aber ich
kenne sie noch, diese Leute, die Sebastian Blau so trefflich beschrieb:
Schwaaz dr Huat ond schwarz es Fräckle
ond s`Gehabe gsalbet fromm,
ond a gottergeabes Gschmäckle
om de´ganze Ranza rom.
Glaubsch mers, dass vor sotte Denger
s Kreuz sogar dr Teufel schleecht
und ob deane Stondegänger
schier katholisch weara möcht ?
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Am besten gefiel
mir schon immer die Antwort "Sia hennd hald a Harmonium"
oder "Dia gangad zom Lacha en dr Kellr", wenn die Sprache
auf bestimmte frömmelnde Mitbürger kam.
Auffallend ist der latente schwäbische Purismus, der die Erde für
eine Art Jammertal, den Mensch als Sündenpfuhl, den Wein als
Höllentrank und die Liebe als Teufelswerk betrachtet. Wer kennt sie nicht, die schmallippigen Traktätles-Verteiler, die alle
Mitbürger, die nicht in die 'Schdond', also die gemeinsame
Andachtsstunde, kommen, als gottlos und dem Verderben geweiht
betrachten.
Obwohl ich selbst
weder mit der Kirche (aber sehr viel mit Gott !), noch mit dem Pietismus viel am Hut habe, (man
kann ja auch Autofahren ohne im ADAC zu sein), ertappe ich mich immer
wieder mit schlechtem Gewissen nach einer Hingabe an die
schönen Dinge des Lebens.
Damit will ich eigentlich nur zeigen, dass in den menschlichen Genen
mehr steckt, als man vermutet, denn so manchen eigenen Wesenszug
erkenne ich schon wieder in meiner nun erwachsenen Tochter.
Man er zählt
sich von einem Pietisten, der auf dem Sterbebett zum Katholizismus
übertreten wollte. Als man ihn entsetzt fragte, warum, flüsterte der
Sterbende: 'Besser es schdirbt oiner von dene, als von ons!'
Das Wort 'Pietismus' ist eine lateinisch-französisch-griechische
Wortschöpfung. Zum französischen Wort piété, das seinerseits aus dem Akkusativ pietatem des lateinischen Wortes pietas („Pflichtgefühl“) gebildet ist, tritt die Latinisierung der griechischen Endung
-ismós für intensivierte Denkhaltungen oder übersteigerte Ideologien. Ursprünglich diente das Wort als spöttische Bezeichnung für
Frömmelei.
Der Pietismus war eine Reaktion auf die Aufklärung. In dieser Zeit wurde das traditionelle Weltbild durch neue Erkenntnisse der Naturwissenschaft erschüttert und die offizielle Theologie von der aufklärerischen Philosophie angegriffen. Die Theologie reagierte darauf mit einer
wachsenden Verwissenschaftlichung, wurde aber für die normalen Gemeindeglieder immer unverständlicher. Außerdem verlangte der absolutistische Staat ein Bekenntnis zum offiziellen
Dogma und hielt persönliche Frömmigkeit für störend.
Der Pietismus kritisierte beide Entwicklungen, die er für rein äußerlich hielt, und stellte ihnen sein Ideal einer persönlichen, gefühlsbetonten Frömmigkeit
entgegen, unter anderem basierend auf dem Matthäus-Zitat:
Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der
Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die
darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum
Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.
Also
nicht mit dem Evangelium allein ist da Himmelreich gesichert, sondert
man muss auch mit einer methodischen und strengen Lebensführung
nachhelfen. Es gibt keine Situation, über die sich Pietist keine
Gedanken macht, und sei sie noch so nichtig. Im Zweifelsfall betrachtet
er alles als Sünde und verboten und auferlegt sich Mühsal und
Entsagung.
Der Pietismus ist eine Bibel-, Laien- und Heiligungsbewegung. Er betont die subjektive Seite des Glaubens, entwickelte aber auch einen starken missionarischen und sozialen Grundzug. In der pietistischen Praxis haben Hauskreise mit gemeinsamem Bibelstudium und Gebet oft größere Bedeutung als Gottesdienste.
Ohne
das Bild des schmalen und des breiten Weges war und ist diese
Anschauung schwer zu vermitteln, aber so ist ein richtiger Pietist eben
dankbar für jede Prüfung, die ihm auferlegt wird, da sie ihn ein
Stück weiter auf dem schmalen Weg bringt. Und obwohl der Sex ein
Hindernis zum Erreichen des Himmelreiches darstellt, zeugt er viele
Nachkommen, ohne allerdings jemals mehr als Nachthemd seiner Ehefrau
gesehen zu haben.
Die richtige Religionszugehörigkeit ist und war ein gewichtiger Grund
für Einstellungsentscheidungen. Ein Posaunist soll am königlichen Hof
mit der Empfehlung 'schwach im Blasen, aber stark im Glauben' mühelos
eine Anstellung gefunden haben. Und heute heißt es dann 'Domm isch er
ja scho, aber er isch hald oiner vo ons'.
Der Pietismus
hat seine Wurzeln vor dem 30-jährigen Krieg, als der Kirchenreformer
Johann Valentin Andreae die christliche Idealstadt Christianopolis
entwarf: eine Stadt mit innerem Frieden, Gleichheit der Bürger und
einer Verachtung für Reichtum. Der frühe Pietismus war ein
Sammelbecken der von den Zuständen am despotischen Fürstenhof
enttäuschten Christen.
Der Pietismus bekennt sich zur Irrtumslosigkeit der Bibel (Bibeltreue) und lehrt hieraus resultierend eine konservative Theologie. Außerdem betont er das Priestertum aller Gläubigen und hat deshalb neben Theologen auch Laien ohne akademische Bildung – vorrangig Männer – zum Predigtamt geführt: als Redner,
redende Brüder, in den Hauskreisen.
Sie trafen sich in
der Schdond, eine außerkirchliche Bet- und
Erbauungsveranstaltung, in der die Heilige Schrift ausgelegt und als
Bildungseinrichtung des Volkes große Bedeutung gewann. Ziel war die
Trennung von Staat und Kirche und die Rückbesinnung auf die
urchristliche Gemeinde, Feindbild die angepassten, dem Adel nach
dem Mund redenden selbstgerechten Kirchen-Pharisäer. (Solche gibt es
heute natürlich nicht mehr, oder doch ?)
Wenn man schon ein
Leben in Demut, Selbstverleugnung und Gewissenstreue führen musste,
dann wollte man nicht strengen weltlichen Dogmen, sondern dem Herrn
Jesus Christus persönlich verpflichtet sein. Heute würde man dazu 'Kirche von unten' sagen
Die Pietisten
waren neben der reinen Frömmigkeit und Nächstenliebe auch
tatkräftige Unternehmer, die sich als Erfinder, soziale Neuerer,
Industriegründer und Weinbauern betätigten und so das Leben aller
bereicherten und erleichterten, gerade in den elenden ländlichen
Gegenden.
Als besonders pietistisch geprägt gilt neben Westfalen das Gebiet des einstigen Herzogtums Württemberg. Auch dort wurden pietistische Bestrebungen von der lutherischen Orthodoxie unterdrückt, und wenn etwa Studenten des Tübinger Stifts (das Internat der württembergischen Theologiestudenten) eine pietistische „Stunde“ besuchten, führte das
jedes mal zu einer Untersuchung. Trotzdem gab es auf beiden Seiten immer auch Personen, die für das Anliegen der jeweils anderen Verständnis hatten.
Vor den Toren Leonberg gelegen, bildet die Gemeinde Korntal
noch immer das Zentrum des schwäbischen Pietismus. Die Gründe, die
zur Gründung der Ev. Brüdergemeinde führten, war die Hoffnung auf
die baldige Wiederkunft Jesu Christi. Mit Korntal sollte ein
Zufluchtsort für die Gläubigen des Landes in der Endzeit geschaffen
werden.
An Kritik an pietistischen Lehrinhalten und pietistischer Frömmigkeitspraxis hat es zu keiner Zeit seit seiner Entstehung gemangelt.
Hauptkritikpunkt war dabei, dass sich die Pietisten auf die Widerspruchsfreiheit der Bibel beriefen, während Vertreter der dialektischen Theologie dies nicht glaubten.
So hat der Berliner Theologe Dietrich Bonhoeffer den Pietismus als letzten Versuch bezeichnet, den christlichen Glauben als Religion zu erhalten (Widerstand und Ergebung). Bei seiner negativen Beurteilung der Religion – er wurde gleichsam als Gegenbegriff zur Offenbarung Gottes angesehen – wiegt diese Kritik schwer. Ebenso verwarf Bonhoeffer gerade als biblisch-reformatorischer Theologe das Grundanliegen des Pietismus, beim Menschen eine „erwünschte Frömmigkeit“ erwirken zu wollen.
Außenstehende Christen wie auch Nichtchristen kritisieren an Pietisten, dass diese sich zu sehr auf die eigene geistliche Entwicklung konzentrierten (die Kritiker sehen die Gefahr eines „Heilsegoismus“), weswegen sie der Verantwortung des Menschen in der Gesellschaft nicht gerecht werden könnten. Gegen diese Kritik spricht jedoch das oben angeführte soziale Engagement des Pietismus, welches oftmals ebenfalls ein missionarisches (= sozial-missionarisches) war.
Schon in der Aufklärung, aber auch heute wird von Außenstehenden den Pietisten Intoleranz vorgeworfen, da diese nicht von ihrem Ausleben des Christentums gemäß ihrer spezifischen Bibelauslegung abrücken wollen und auch andere von dieser Lebensform überzeugen wollen.
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