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Zwischen der "Hochsprache" und der bäuerlichen
Mundart steht das Honoratiorenschwäbisch, wie es wohlmeinend genannt
wird.
Es ist die Sprache der städtischen Schwaben, also insbesondere der
Stuttgarter Schwaben. So redet man am
Wirtshaustisch und in den Läden, bei Behörden und in der Familie, und
im Tübinger Stift diskutiert man darin sogar die heikelsten
philosophischen Probleme.
Es ist ein wunderliches
Gemisch. Das ganze Material der Bildung und der Buchsprache wird
unverkümmert und unbekümmert übernommen, nur erhalten alle
Ausdrücke schwäbische Lautform, auch die gelehrtesten Fremdwörter
und Fachausdrücke.
Hart daneben stehen, wie erratische Blöcke, Wörter und Redensarten aus
dem Bereich der unverfälschten Bauernmundart, deren klobige Formen nur
leicht abgeschliffen sind.
Auf einen Fremden mag dieser Halbdialekt zuweilen einen komischen
Eindruck machen. Was soll er denke, wenn er zwei gesetzte Mannen vor
einem Viertele Roten mit "dr Fenemenelogie vom Hegel ond em Deng
an sich" oder dem "ganze' philesophische Lohkäs
om sich schmeiße'" hört?
Die meisten Kennzeichen des Schwäbischen überhaupt finden sich bereits
in dieser schön "durchwachsenen" Sprache der schwäbischen
Städter. Da wäre die Neigung, das auslautende e der Endungen abzuwerfen
(Leut, Aff, Gäns); dann die Vorliebe für das Hilfszeitwort
"tun". Man tut bei uns schlechthin alles: ma' tuat schaffe',
ma' tuat esse', und es ist nur logisch, dass bei einem so tätigen Schlag
sogar das Nichtstun ein Tun ist: ma' tuat au faulenze'. Ein guter Rat
lautet: 'des tät i net doa', woraus zu entnehmen ist, dass auch
der Konjunktiv (die Möglichkeitsform) häufig mit "tun"
gebildet wird.
Auch die Freude an übertreibenden Ausdrücken macht sich schon
bemerkbar. "Schwätze'" ist nicht schwatzen, sondern einfach
reden; wenn andere gehen, so laufen wir bereits, kommen jene ins Laufen,
so springen wir schon, und wo es zu springen gilt, hüpfen wir.
In Stuttgart hörte ich einmal einen biederen Bürgersmann, als
er aus einem Uhrmacherladen herauskam, zu seiner Frau sagen: "Der
Lomp hôt die Uhr noh' net fertig." Eine Beschimpfung des
ehrbaren Handwerkers war damit keineswegs beabsichtigt; der Mann wollte
nur feststellen, so was sei eine kleine Schlamperei. Und in einer
Wirtschaft vernahm ich, wie ein selbst nicht mehr jugendlicher
Rechtsanwalt im Gespräch über einen abwesenden Bekannten äußerte:
"Ha, des muaß jetzt au scho' en alter Dackel sei'."
Auch hier konnte von einer Beleidigung nicht die Rede sein, es sollte
lediglich das gesetzte Alter des Betreffenden und die damit verbundene
Abnahme der geistigen und leiblichen Kräfte verdeutlicht werden.
Vielleicht das auffälligste Merkmal unserer Mundart ist ihre schlaffe
Artikulierung, das heißt, ihre weitgehende Schonung der Sprechwerkzeuge.
Herb und derb gesagt: die Maulfaulheit als gestaltendes Prinzip
unserer Sprache. Auf ihr Konto kommen die bequemen Nasenlaute, die selbst
in Wörtern auftreten, wo für ihre Existenz kein zureichender Grund zu
finden ist, wie die Na's (Nase), ma'g (mag) usw.
Dieser Maulfaulheit wegen schenken wir uns das e in der Vorsilbe
ge- und manchmal sogar diese ganz, und sagen: gspronge', ghalte',
bliebe'. Auch der Verlust von ö und ü (heflich, Glick), die Quetschung
von u vor m, n, ng zu o (Hond, stomm), von ä, i, ö und ü vor den
gleichen Nasalen zu e haben diese Ursache. Es klingen demnach im
Schwäbischen Lämple und Lümple, Hämmel und Himmel, Ständle und
Stündle, Rinder und Ränder gleich. Nicht ganz mit Unrecht foppt man uns
darum, wenn wir sagten: "Machs Finster zu, s wird fenster!"
Die Höchstleistung aber erreicht dieser Hang zur Bequemlichkeit bei den
hochdeutsch so übermäßig langen Wörtern ja und nein. Dafür sagt der
Schwabe, wenn er zustimmt: a'ha, und wenn er ablehnt, umgedreht ha'a.
Wem auch das noch zu umständlich ist, der macht bloß mhm und hm'm -
dazu braucht er dann nicht einmal den Mund aufzutun.
Ob nun dieses Honoratiorenschwäbisch schön klingt, das möchte ich
nicht beurteilen. Praktisch ist es gewiß. In der Buntheit der lokalen
Abarten unsrer Mundart stellt es immerhin eine gewisse allgemeingültige
Einheit dar. Es kann zusagen für das Esperanto Württembergs
gelten. Stuttgart und Tübingen, das eine als Hauptstadt und
Verwaltungsmittelpunkt, das andere als Quelle der Bildung, haben es
weitgehend geformt.
Es verschlägt dieser Einheit nichts, dass gerade in ihr,
sowenig man sonst von einem protestantischen oder katholischen
Schwäbisch reden kann, die konfessionellen Unterschiede sich
ausdrücken.
Wen dies bei seiner schwäbischen Bekanntschaft interessiert, der braucht
ihr nur den Satz aufzugeben: der Lehrer geht. Sagt sie: der Lährer
geht, dann schwört sie auf Luther; sagt sie aber: der Lehrer
gäht, auf den Papst. Der verstorbene Tübinger Germanist und beste
Kenner unserer Mundart, Hermann Fischer, führt den Unterschied darauf
zurück, dass die eine Konfession ein anderes schriftsprachliches Vorbild
habe als die andere; das protestantische offene e (= ä) ginge demnach
auf die sächsisch-thüringischen Prediger der Reformation zurück.
Literaturfähig hat diesen Gebildetendialekt Fr. Th. Vischer mit
seinem Lustspiel "Nicht Ia" gemacht. Als Probe setze ich eine
Stelle her; es ist der tragische Monolog eines verliebten schwäbischen
Vikars, dem soeben sein Luisle den Laufpaß gegeben hat.
Also aus isch!
Matthäi am letzte'! Und so behandelt mi des Mädle, wo i grad ihr Haus,
i darf sage' mannhaft, gege' gfährliche Feind verteidigt han. - Adje!. -
Schöne Tag sinds e' Zeitlang gwese' in dere' Liabe. 0, wie sie mi s
erstmôl kußt hat in dr Garte'laub! Wie nôh dr Pfarrer obe' im
Dachlade' mit eme' große Perspektiv erschiene', hats aufgschrauft,
runterspioniert, aber z spät. Alle dia selige Stonde'! O!" (seine
Stimme bricht) "Aus für emmer! Nie wieder!" (weinend)
"Nei', ich zweng me nemme länger - O! O! Und sie ist erst noh' so
e', so e' -" (schluchzend) "saumäßig netts Mädle!
Das ist leicht zu verstehen? Und so groß scheint der Abstand
vom Schriftdeutschen nicht zu sein? Der Schein trügt, es sieht nur so
aus. Es sieht nur geschrieben so aus.
Vischer hat es seinen Lesern leicht
gemacht, indem er das hochdeutsche Schriftbild fast beibehielt. Bei
seinem Schwäbisch ließ sich das machen, obwohl auch hier der
schwäbische Leser vieles aus eigenem dazutun muss, soll der Text richtig
klingen.
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